|
| |
Jeder kann es und tut es immer wieder: Egal, ob im
Stadion oder im Gottesdienst, egal ob allein oder im Chor – Singen
gehört zum Leben dazu. Es klingt gut und tut gut – und ist eigentlich zu
schade nur für „unter der Dusche“ oder beim Radio hören.. Öffentlich zu
singen und seine Stimme zu schulen macht Freude, gibt Selbstbewusstsein
und schafft Gemeinschaft. Deshalb möchten wir alle, die diese Zeilen
lesen, einladen, es einfach mal auszuprobieren. Viel Spaß dabei!
|
Singen allgemein
Singen heute - „in“ oder „out“?
Singen gehörte früher ganz fest zum
Alltag dazu und viele singen auch heute noch gern und
oft - auch wenn sie es nicht so recht zugeben wollen.
Denn wer sagt, er singe, sei es für sich daheim oder
sogar in einem Chor, der riskiert damit, als uncool
abgestempelt und ausgelacht zu werden, und das von
Leuten, die zwar selber auch Musik hören, diese jedoch
nicht machen.
Dabei bewirkt Singen heute noch das
gleiche wie damals: Es verbindet und macht Spaß.
Denn Musik ist ja auch heute
überall zu finden: Man sieht kaum einen Jugendlichen
ohne Kopfhörer. Und auch das Singen an sich ist
gegenwärtig, man muss sich dazu nur das Abendprogramm
der Fernsehsender ansehen um überall Castingshows wie „DSDS“,
„Popstars“ oder „The Voice of Germany“ zu finden. All
diese Shows haben zumindest recht gute Einschaltquoten.
Singen ist also auch heute noch mehr „in“ als „out“. Und
denjenigen, die sich die ganzen (meist sehr niveaulosen)
Castingshows ansehen und ihre Mitschüler als uncool
bezeichnen, weil sie singen, fehlt vielleicht der Mut,
sich zu trauen und Teil einer Gemeinschaft zu werden.

Von
diesem Mut, eine singende Gemeinschaft zu werden,
handelt die US-amerikanische Fernsehserie „Glee“ in der
sich eine Gruppe Außenseiter an einer amerikanischen
High School zu einem Schulchor zusammenschließen und
gemeinsam ihrer größten Leidenschaft nachgehen: dem
Singen. Zum ersten Mal finden sie Freunde und sind Teil
einer Gemeinschaft. Zusammen überstehen sie all die
Intrigen und Schikanen der Mitschüler.
Die (überaus erfolgreiche) Serie
zeigt, wie viel Mut es erfordert, sich zu trauen und das
zu tun was man tun will. Doch wer sich traut, dem
bedeutet oft Musik und Singen alles. Wie zum Beispiel
bei Alicia Wagner aus Nehren. Die 16-jährige Schülerin,
die immer wieder an Theater-und Musical-Castings
teilnimmt, leitet zudem noch seit letztem Jahr den
Kinderchor in Talheim, mit dem sie selbst geschriebene
Musicals einstudiert und aufführt.
Singen erfordert Mut. Doch es gibt
Freude und Freundschaft und ist auch heute noch durchaus
allgegenwärtig und absolut „in“.
Anne Thun
|
Wer singt, stimmt sich froh und tut zugleich viel
für seine Gesundheit:
Wellness für Körper und Geist
Dass Singen froh macht, lehren uns
schon die bekannten Volkslieder. Doch dass Singen
darüber hinaus auch Wellness für Körper und Geist ist,
legen die neusten Studien auf diesem Gebiet nahe.

So mobilisiere Singen die
Gehirnzellen und stärke die Immunabwehr, fasst der
Leiter der Mössinger Kantorei, Bezirkskantor Günther
Löw, die Ergebnisse aktueller Untersuchungen zusammen.
Dabei werden sogar Gehirnregionen stimuliert, die zu den
ältesten in der Entwicklungsgeschichte des Menschen
gehören. Das erklärt möglicherweise auch, warum viele
Demenzkranke noch über einen reichhaltigen Schatz an
Liedtexten verfügen, während ihre Sprache längst verarmt
ist.
Insbesondere Kinder sollten zum
Singen angehalten werden, weil sie am meisten davon
profitieren. Und am besten ist natürlich, wenn die
Eltern gleich mitsingen.
Wie keine andere Tätigkeit fordere
das Musikhören die „grauen Zellen“, betont Löw, denn
dabei sind 50 Prozent der Gehirnregionen aktiv, während
das Sprechen nur 20 Prozent und Bewegung gerade mal zehn
Prozent beanspruche.
Aber die richtigen Atemtechniken,
das Erlernen einer guten Körperspannung und die
deutliche Aussprache – alle drei sind fester Bestandteil
eines jeden Stimmtrainings – bewirken noch mehr: Wer
seine Stimme schult, bekommt auch nach und nach eine
selbstbewusstere Gesamthaltung. Was übrigens in Chören
seit vielen Jahrzehnten eine Selbstverständlichkeit ist,
erfährt gerade durch Castingshows wie „Deutschland sucht
den Superstar“ neuen Auftrieb: Was dort unter dem
Stichwort „vocalcoaching“ praktiziert wird, ist nichts
anderes als Stimmtraining.
Singen im Chor hat darüber hinaus
einen positiven sozialen Effekt. Denn wenn der Eine die
Note nicht trifft, trägt die Stimme der Mitsänger
weiter; es ist also erlebte Solidarität. Vielleicht
erklärt das auch, warum sich die Stimmung in sozial
schwierigen Gruppen oder Klassen erwiesenermaßen
bessert, sobald gemeinsam gesungen wird.
Dennoch betont Günther Löw, dass
die ganzen gesundheitlichen Aspekte nur ein angenehmer
Nebeneffekt des Chorgesangs sind. Denn ganz gemäß des
Luther-Satzes: „Musik kann manches sagen, was der
Prediger nicht sagen kann“ steht für ihn im Mittelpunkt,
mit Konzerten der Mössinger Kantorei die Zuhörer
emotional anzusprechen. Springt der begeisternde Funke
von den Sängern zu den Konzertbesuchern über, sieht er
mit seiner Chorarbeit das höchste Ziel erreicht.
Er ist überzeugt, dass es in
Mössingen noch viele Menschen jeden Alters gibt, die
gerne singen, „aber sie wissen es noch nicht“. Wer
einmal völlig unverbindlich prüfen möchte, ob dies auch
für ihn zutrifft, kann bei Günther Löw unter 07473/7609
gerne erfragen, wann ein guter Zeitpunkt für eine
Probestunde ist.
Vera Hiller
|
Singen im Chor: Zum Beispiel in der MLK-Band
„Sing a Halleluja!“
„Let’s sing a hallelujah!“, so
schallt es freitagabends ab 20.00 Uhr durch die
Martin-Luther-Kirche, wenn die MLK-Band zu ihrer Probe
zusammenkommt. Begleitet von Keyboard, Gitarren und
Schlagzeug singen wir mit unserem ca. 20 Sängerinnen
starken Chor dreistimmige Gospels und Songs. Joachim
Lörcher leitet die Proben und studiert geduldig die
anspruchsvollen Sätze mit uns ein.
Nach einem kurzen Einsingen starten
wir mit der Arbeit an den Liedern. Hier nochmal den Alt
üben, da die Dynamik verbessern, der Mezzosopran sollte
auch noch etwas deutlicher singen. Viel gibt es zu tun
und viel zu verbessern. Trotzdem kommt der Spaß nicht zu
kurz. Singen soll uns zuallererst Freude machen und die
haben wir bei unseren Proben. Mitzuerleben wie aus einem
Bündel unbekannter schwarzer Punkte ein Lied entsteht,
das einen selbst und andere mitreißt ist für uns immer
wieder neu faszinierend. Was eben noch keiner kannte
wird zu einem Ohrwurm, den man das ganze Wochenende mit
sich herumträgt. Oft genug kommt es deshalb vor, dass
nach den Proben noch nicht Schluss ist mit dem Singen,
dass zwei oder drei von uns spontan beim Hinausgehen ein
gerade geprobtes Lied nochmal anfangen.
Singen kann jeder und jede- und
bei uns Mitsingen auch. Neue Gesichter sind immer gerne
gesehen. Auch zum „Reinschnuppern“ kann jeder und jede
Interessierte gern vorbeischauen. Nach der Probe trifft
man uns dann öfters mal im Goethehäusle, wo wir den
Probenabend noch ein wenig ausklingen lassen – natürlich
singend!
Jochen Hägele
|
Das Alter ist für uns Menschen eine ganz
besondere Herausforderung. Nicht nur, dass man lernen muss, mit
immer mehr körperlichen Einschränkungen zu leben, das näher kommende
Lebensende zwingt uns auch, uns mit unserer Sterblichkeit und der
Frage, was nach dem Tod kommt, auseinanderzusetzen. Eine äußerst
anspruchsvolle Lebensphase also, oft herausfordernder als die Jugend
oder die Phase der Berufstätigkeit. Gut, wenn man hier gemeinsam mit
anderen unterwegs ist, seine Gedanken und Empfindungen teilen oder
einfach nur ganz konkrete Hilfe für den Alltag in Anspruch nehmen
kann. Unsere Diakoniestation unterstützt hier seit vielen Jahren mit
einem breiten Angebot an Hilfeleistungen. Aus dem großen Strauß an
Hilfen möchten wir in dieser Ausgabe die Demenzgruppen sowie das
„Essen auf Rädern“ vorstellen. Wir sind außerdem froh, dass wir seit
Januar dieses Jahres für unsere beiden hiesigen Pflegeheime einen
Altenheimseelsorger haben: Pfarrer Matthias Hannig, der Bewohner,
Angehörige und Pflegekräfte auf ihrem Weg begleitet. Eine wertvolle
Arbeit, die oft im Stillen geschieht. Schließlich lenken wir
unseren Blick auf jemand älter Gewordenen, der bis vor einiger Zeit
fest hierher gehört hat, im Alter jedoch nochmals ein neues „Daheim“
gefunden hat: Die Mössingerin Gisela Wagner.
|
Demenzgruppen in Mössingen und Ofterdingen
Für unbeschwerte Stunden
Die Betreuungsgruppen für Menschen
mit Demenzerkrankungen werden von der
Diakonie-/Sozialstation nun bereits seit über 10 Jahren
angeboten. Für einen Vor- bzw. Nachmittag in der Woche
werden die betreuten Personen zuhause abgeholt, um in
unbeschwerter Gemeinschaft ein paar Stunden mit
abwechslungsreichen Angeboten zu verbringen. Begonnen
wird mit einem Tischgebet und einem reichhaltigen
Frühstück, verbunden mit anregenden Gesprächen und
Neuigkeiten aus der Tageszeitung. Es gibt ein
Bewegungsangebot mit Gymnastik oder einem Spaziergang
und eine fröhliche Runde mit Liedern, Rätseln,
Geschichten und Spielen, meist mit jahreszeitlich
bezogenem Thema. Betreut wird die Gruppe von
ehrenamtlich Engagierten, die unter Anleitung von
Fachpersonal der Diakoniestation mit Einfühlungsvermögen
und Lebensfreude für liebevolle Bewirtung sorgen und
sich auf die Bedürfnisse des Einzelnen einstellen. In
Gemeinschaft geht so manches leichter und auch
Heiterkeit und Humor kommen nicht zu kurz. Es wird
spürbar, wie das entspannte Miteinander allen gut tut,
auch den Angehörigen, die durch dieses Angebot entlastet
und unterstützt werden.
Die Betreuungsgruppen finden zu
folgenden Zeiten statt:
Betreuungsgruppe Mössingen
Jeden Dienstagvormittag von
08:30 bis 11:30 Uhr im Jugend- und Gemeinschaftshaus
„M“ in Mössingen
Betreuungsgruppe Ofterdingen
Jeden Montagnachmittag von
14:30 bis 17:30 im Seniorenhaus Mauritiusblick in
Ofterdingen.
Um Voranmeldung wird gebeten.
Die Diakoniestation ist gerne
für weitere Interessierte offen, die sich gemeinsam
mit anderen in der Demenzbetreuung oder in anderen
Bereichen engagieren möchten. Kontakt: Ellenore
Steinhilber, Tel. 07473/9515-15.
Mahlzeitendienst „Essen auf Rädern“
„Der Mensch lebt nicht vom Brot
allein“ – gerade wenn Sie oder Ihr Angehöriger nicht
mehr voll mobil sind, ist eine tägliche, frische und
ausgewogene Mahlzeit entscheidend für ein
zufriedenes und gesundes Leben. Der Mahlzeitendienst
„Essen auf Rädern“ der Diakonie-/Sozialstation trägt
mit zu einem selbstbestimmten Leben in der eigenen
häuslichen Umgebung bei und bietet für Angehörige
eine große Entlastung. Der Speiseplan umfasst eine
Auswahl an drei täglich wechselnden Tagesmenüs sowie
zwei Wahlmenüs pro Woche, so dass für jeden
Geschmack oder Diätbedarf etwas dabei ist. Diese
werden den Kunden von den Fahrern täglich – auch am
Wochenende - warm in ihr Zuhause geliefert. Auf
Wunsch runden Suppe, Nachtisch oder einer von drei
leckeren Nachmittagskuchen das tägliche Menü ab.
Die von unserem
Kooperationspartner zubereiteten Menüs sind speziell
auf die Bedürfnisse von Senioren abgestimmt und
bieten tägliche Abwechslung von regionalen
Spezialitäten über Festtagsküche bis hin zu leckeren
Süßspeisen. Bestellungen sind auch für einzelne Tage
möglich und können bis 08:00 Uhr noch für denselben
Tag erfolgen. Für das Wochenende muss die Bestellung
spätestens am Freitag um 09:00 Uhr vorliegen.
Bei Interesse wird auch gerne
ein kostenloses Probemenü geliefert, zusammen mit
dem aktuellen Speiseplan, so dass man sich ein Bild
vom abwechslungsreichen Angebot des
Mahlzeitendienstes machen kann. Weitere Infos über
die Diakonie-/Sozialstation, Tel. 07473/9515-0.
|
Pfarrer Hannig nimmt von seinen betagten Schützlingen
viel mit
Nie
aufhören, Wünsche zu haben
„Ich
gehe aus fast jeder Begegnung im Pflegeheim auch beschenkt
heraus“, sagt Pfarrer Matthias Hannig. Sein Dienstauftrag
umfasst zu 75 Prozent die Betreuung der Mössinger
Pflegeheime „Haus an der Steinlach“ und „Haus Blumenküche“,
des Pflegewohnhauses in Nehren sowie der Einrichtung in Bad
Sebastiansweiler. Die restlichen 25 Prozent seiner
Arbeitszeit fließen in das landeskirchliche Internet-Projekt
www.seelsorge-im-alter.de ein, in das der
„Seniorenpfarrer“ seine vielfältigen Erfahrungen im Umgang
mit alten Menschen einbringt.
Dabei sind
es im Pflegeheim nicht nur die Bewohner, denen er sich
zuwendet. Angehörige gehören genauso dazu wie auchdie
Pflegekräfte: „Diese sind oft über die Grenzen des Machbaren
hinaus tätig“, würdigt er deren unermüdlichen Einsatz und
macht sich Gedanken, auf welche Weise er sie entlasten kann.
In erster Linie geschieht das dadurch, dass er sich der
Bewohner annimmt, die im Akutfall besondere Unterstützung
brauchen.
Doch wie ist
ein Zugang zu Menschen möglich, die sich ständig fragen:
„Wozu bin ich noch auf der Welt?“ Das Wichtigste sei, den
Senioren Wertschätzung für ihre große Lebensleistung
entgegenzubringen, schickt Matthias Hannig voraus, der
bereits bei seinen eigenen Großeltern und Eltern mit dem
Thema Pflegebedürftigkeit konfrontiert war. Und dann setzt
er denjenigen, die mit sich selbst hadern, „das große Ja
Gottes zu allen Menschen“ entgegen, das unabhängig von dem
gelte, was jemand noch zu leisten vermag. Sie zu begleiten
und ihnen Trost in schwierigen Phasen zu spenden, darin
sieht er seine Aufgabe. Dabei versteht Hannig unter Trost
etwas anderes als „Vertröstung“; Trost hänge eng mit der
jeweiligen Lebensbiografie zusammen, sei daher etwas ganz
Individuelles.
Unter diesem Aspekt lässt sich auch
Trost spenden, wenn Demenz die Lebensgeschichte in Frage
stellt. Lustige Handpuppen wie etwa „Lisa“ (s. Bild), eine
Segensgeste, eine Berührung oder vertraute Lieder und Gebete
vermitteln selbst dann ein Verstehen und ein Miteinander,
wenn das Wort allein das Bewusstsein des Menschen nicht mehr
erreicht. Als spannende Herausforderung für die Zukunft hat
sich der Pfarrer zum Ziel gesetzt, Gottesdienstmodelle
speziell für demente Menschen zu entwickeln.
Dass Pläne und Visionen nötig sind, um
Perspektiven für die Zukunft zu gewinnen, das haben den
Seelsorger seine betagten Schützlinge gelehrt: „Ich finde es
toll, wenn Senioren ihre Zeit nicht als Warten auf den Tod
begreifen, sondern auf der Suche danach sind, was ihnen das
Leben heute noch an Möglichkeiten bietet und welche Wünsche
sie sich künftig noch erfüllen wollen“. Vera
Hiller
|
Wohnortwechsel im Alter
Nicht mehr zu Hause, und doch wieder daheim: Gisela
Wagner
Bei
wem, sofern er seit vielen Jahren in Mössingen wohnt, werden
nicht Erinnerungen wach, wenn er auf das Foto schaut?
Die kleine, etwas vornübergebeugte Gestalt, etwas unsicher
auf den Beinen, das lilane Kopftuch eng unterm Kinn
geknotet, der kritisch forschende Blick nach allen Seiten,
in den Händen das betagte Exemplar einer
Hohner-Mundharmonika, weitere in den Tiefen ihrer geräumigen
Handtasche. Wer genau hinsieht, kann sie noch spielen hören:
Jetzt gang i ans Brünnele – der Mond ist aufgegangen…
mal weltlich, mal kirchlich, aber immer gekonnt.
Ein paar feste Anlaufstationen hatte
sie den Tag über, wo sie „ankam“ mit ihrer direkten,
undiplomatisch-kontakt-suchenden Art, beim einen oder
anderen Pfarrer, in zwei Apotheken, bei einem Musiklehrer
des Aufbaugymnasiums, in einer Arztpraxis und vielleicht
sonst wo . Da durfte sie sitzen, auch länger, reden, und
musizieren. Einziger Fixpunkt am Tag: elf Uhr dreißig zum
Mittagessen im „Haus an der Steinlach“. Und wenn sie
unterwegs war, dann immer auf dem Fahrrad, die Tasche an der
Lenkstange. Gisela Wagner, einfacher: die Gisela – bis vor
drei Jahren.
Dann ist sie, gesundheitsbedingt,
umgezogen nach Mariaberg. Ihr neues Quartier ist jetzt ein
kleines, helles freundliches, praktisch
eingerichtetes Einzelzimmer in der Wohngruppe der
„Schwalben“, unweit vom historischen Klosterhof.
Mit dem Fahrrad geht’s nun leider nicht
mehr. Aber mit dem Rollator ist sie jeden Tag unterwegs,
dreht ihre Runden durch die nähere Umgebung, wo’s nicht zu
steil ist. Bewegung braucht sie nach wie vor, sagt sie. Die
Gruppenleiterin muss sie manchmal sogar bremsen.
Ob sie denn ab und zu Heimweh habe nach
Mössingen, will ich wissen. „Ja noa!“ kommt die
bündige Antwort auf Steinlachschwäbisch, und:“I fiehl me
wohl, ond wia!“ Trotzdem, das Mössinger Lokalgeschehen
interessiert sie weiterhin. Als ich ihr das Foto vom alten
Polizeiposten aus dem „Steinlachboten“ zeige und erzähle,
dass der vielleicht einem Parkplatz weichen müsse, quittiert
sie knapp: Dia hent jo an Vogel!“
Lesen geht nicht mehr so recht, dafür
spielt sie mehr denn je auf ihrem geliebten Goschahobel.
Und wie zum Beweis: Ich soll sagen, was sie spielen soll.
Sie bleibt keinen Wunsch schuldig: Aus grauer Städte
Mauern.... Im Märzen der Bauer…Die güldene Sonne…Geh aus,
mein Herz…
Und sonst- ihr Tageslauf? Um halb
sieben steht sie auf, zusammen mit denen, die noch zum
Schaffen gehen. Frühstück und Mittagessen gibt’s im
Gemeinschaftsraum der „Schwalben“.
Gut sei das Essen; den Nachtisch, ein
Ripple schwarzer Bitterschokolade, steuert sie selber bei;
gut auch die medizinische Versorgung vor Ort, fürsorglich
die Betreuung beim geselligen Nachmittagskaffee im Haus.
Und dann die Höhepunkte in der Woche: Äll Denschdag,
immer ab acht Uhr dreißig, spielt sie auf der Mundharmonika,
begleitet vom Herrn Bitzer, einem pensionierten Lehrer, in
der Weberei vor einem treuen Stammpublikum. Und jeden
Sonntag darf sie im Gottesdienst in der Kirche mal die
Orgel, mal die Melodica begleiten. Fazit: I han’s do guat,
mir fehlt nons.
Schnell macht sie aber eine
Einschränkung: Wenn sie auch nicht mehr nach Mössingen will:
Auf den Besuch von ein paar ihr bekannten Mössinger
Gesichtern würde sie sich saumäßig freuen, weil sie
halt immer gern onder de Leit ist. Sie hat Telefon,
sie wohnt, wie gesagt, bei den „Schwalben“, in Mariaberg,
Krätzenbergweg Nummer 4, die Gisela.
Otto Schmelzle |
Die Karwoche - besondere Tage
Es sind nur acht Tage im Jahr, doch unser
Kirchenjahr ist in besonderer Weise auf sie ausgerichtet: Die Karwoche,
die Tage bis zum Ostermorgen. Die Passionszeit ab Aschermittwoch mündet
in ihr ein. In ihr sind wir Christen gerufen, uns gedanklich auf den Weg
Jesu einzulassen – um unsretwillen. Wer diese Tage bewusst begeht, an
Passionsandachten oder Gottesdiensten teilnimmt, oder wer an Karfreitag
fastet, der lernt sein eigenes Leben besser zu verstehen.
Gerade in unserer Zeit, die Traditionen und Riten
so leichtsinnig über Bord wirft, kann diese Woche Halt bieten. Versuchen
Sie es doch einfach.
Stationen der Karwoche
Von Palmsonntag bis Gründonnerstag
Die Bezeichnung „Kar“-Woche stammt vom alten
deutschen Wort „Kara“ = Trauer her. Die Kirche trauert um ihren Herrn
und trägt Reue und Leid um ihre Sünde.
In Jerusalem feierte man bereits im 3. Jahrhundert
die ganze Heilige Woche, beginnend mit dem Sonntag Palmarum,
endend mit der Feier der Osternacht. Hier bemühte man sich, den Weg Jesu
so treu wie möglich nachzugehen. Von den acht Tagen dieser Woche her
empfängt der Christ Kraft und Mut, den Weg durch die Leiden dieser Welt
und die Leiden auch seines Lebens hin zur unverbrüchlichen Gemeinschaft
mit unserem Herrn Jesus Christus in der Auferstehung zu gehen.
So sind wir auch in diesem Jahr eingeladen in
unseren Gottesdiensten und Andachten, in der Passionsmusik und der
besonderen stillen Zeit, die wir uns in unseren Häusern und Familien
nehmen, einige der Leidensstationen Jesu besonders mitzugehen und
mitzuleben.
Der Gründonnerstag („Greindonnerstag“ vom
„Greinen“ / Weinen der Sünder her, die zu Beginn der Fastenzeit vom Mahl
ausgeschlossen waren und jetzt nach einigen Bussübungen wieder
teilnehmen durften) ist der besondere Tag der Einsetzung des Heiligen
Abendmahls. Seit vielen Jahren feiern wir dieses Fest in unserer
Gemeinde in unterschiedlichen Gestaltungen: mit spezieller Ausrichtung
auf Jugendabendmahlsfeiern oder immer wieder auch als Feierabendmahl.
In der Johanneskirche feiern wir die Einsetzung des
Heiligen Abendmahls nach der gottesdienstlichen Ordnung der Lutherischen
Messe mit ihren im Wechsel gesungenen liturgischen Stücken. Im Anschluss
daran wird der Altar “entkleidet“: Kerzen, Bibel, Meditationskreuz,
Blumen und das Parament werden beiseite geräumt.
Diese Sitte symbolisiert seit alters her die
folgende Entblößtheit Christi am Kreuz. Merklich wandelt sich die
Grundstimmung in der Kirche. Lediglich die Kanne mit dem Wein, der Kelch
und die Schale mit dem Brot bleiben in der Mitte stehen, als die
sichtbaren Gaben der bleibenden Lebensgemeinschaft, die Gott mit uns
haben will. Es folgt dann eine besondere Zeit des Wachens und Betens in
der „Nacht der verlöschenden Lichter“.
Mit der „Nacht der verlöschenden Lichter“ wird
Bezug genommen auf einen Brauch, den Dietrich Bonhoeffer in St. Petrus
in Rom kennen gelernt und über die er in einem Brief aus der Haft an
Eberhard Bethge vom 23. Februar 1944 berichtet hat: 12 Kerzen auf dem
Altar, die die Jüngerschar symbolisieren, werden nach und nach
ausgelöscht, bis nur noch eine Kerze, die Christuskerze leuchtet. Damit
wird anschaulich, dass Jesus von allen verraten, verleugnet oder
verlassen wurde und wird.
Die Stimmen einzelner, die mit Jesus auf dem Weg
waren, erklingen in einer Sprechmotette. Jünger und Jüngerinnen mit
unterschiedlichen Lebenserfahrungen gestehen sich ein, dass sie
angesichts von Jesu Verhaftung nicht mehr bei ihm bleiben können und
wollen. Die ursprünglichen Texte wurden überarbeitet, weitere Rollen
formuliert, insbesondere Frauenrollen.
In die Stille hinein singt die Gemeinde immer
wieder „Bleibet hier, wachet mit mir, wachet und betet. Die zuletzt noch
flammende Christuskerze brennt die ganze Nacht hindurch und wird zur
Todesstunde Jesu am Karfreitag verlöschen. Zum österlichen
Festgottesdienst wird dann die neue Osterkerze feierlich entzündet.
Wolfgang
Heutjer
Der Karfreitag früher:
Ernste Stille
Karfreitag war immer ein
ernster, sehr stiller Feiertag im Kirchenjahr.
Bis weit in das 20.
Jahrhundert wurde er in vielen Regionen so begangen: Man trug schwarze
Trauerkleidung, Musik war tabu, höchstens ein Choral war erlaubt. Die
Kinder ermahnte man keine „wilden“ Spiele zu treiben. Auch sie mussten
sich ruhig verhalten. Selbst bei der Hausarbeit machte man Abstriche und
Handarbeiten, wie stricken und dergleichen sollten nicht gemacht werden.
Vielerorts wurde gefastet und für alle Anderen galt selbstverständlich,
dass am Karfreitag keine Fleischwaren gegessen werden durften. Dieser
Brauch ist heute noch weit verbreitet, wenn sich auch sonst viel
geändert hat.
Rosemarie
Kühnberger
Karfreitag heute: zwischen Tradition und Moderne
Ein Tag der Achtsamkeit
Der Karfreitag heute – ein Tag wie jeder andere?
Wäre doch schade drum. Wer mit dem strengen Fasten nichts am Hut hat,
aber dem Karfreitag doch eine besondere Prägung geben möchte, könnte ihn
als einen Tag der Achtsamkeit begehen.
Und so funktioniert’s: einfach einen Tag lang auf
das verzichten, was einem bislang als unverzichtbar erscheint. Für die
nunmehr zurückliegende Fastenzeit haben sich viele Menschen einige sehr
originelle Ideen überlegt wie etwa „Tastenfasten“ – also einfach den
Computer ausgeschaltet lassen und nicht mehr über Facebook & Co, sondern
sich wieder mit den Freunden im Café verabreden.
Auch das, was heutzutage wohl kaum mehr über Wochen
hinweg machbar ist, lässt sich durchaus einen Tag lang probeweise
praktizieren: der Verzicht aufs Handy. Keine dauernde Erreichbarkeit,
damit keine ständige Verfügbarkeit – das könnte einem vorkommen wie die
neu gewonnene Freiheit.
Und schließlich ließe sich in Anlehnung an das
klassische Fasten sozusagen ein „Fasten light“ auferlegen: ein Tag ohne
Zucker, ein Tag ohne Fleisch, ein Tag ohne Softdrinks, sondern nur mit (Mineral-)Wasser.
Auch das ist eine Übung in Achtsamkeit, die dem Karfreitag eine ganz
besondere Note geben würde.
Wie heißt es doch so schön: Das wahre Abenteuer der
modernen Zeit liegt nicht darin, eine Wüste zu durchqueren, sondern
einen Naturjoghurt zu essen. In diesem Sinne: einen achtsamen Karfreitag
Vera Hiller
Verloren gehendes Gespür? Eine Stellungnahme der Landeskirche
Gründonnerstag und Karsamstag – Feiertage?
Gründonnerstag und Karsamstag sind Feiertage der
Karwoche und damit Teil der Passions- und Osterzeit. Anders als andere
Tage des Osterfestes, nämlich Karfreitag und Ostermontag sind sie nicht
als arbeitsfreie Tage unter Schutz gestellt. Es sind also keine
gesetzlichen, sondern ausschließlich kirchliche Feiertage. Auch das
Feiertagsgesetz des Landes Baden-Württemberg trägt dem Rechnung, dass es
sich bei diesen Tagen nicht um ganz normale Werktage handelt – nicht
zuletzt durch die Bestimmung, dass der Gottesdienstbesuch christlichen
Arbeitnehmern ohne weiteres zu ermöglichen ist.
Vor diesem Hintergrund kann es uns als Landeskirche
nicht egal sein, wenn in der Passionszeit so genannte
24-Stunden-Shoppingevents oder zunehmend Partys und Feste stattfinden.
Solche Veranstaltungen stellen die „ruhige Woche“ geradezu in
Frage.
Vor allem Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer werden
in eine schwierige Entscheidungssituation gestellt, wenn sie entweder
dem Geheimnis der Passion nachspüren können oder den Anforderungen ihres
Arbeitgebers nachkommen müssen.
Die Evangelische Landeskirche in Württemberg heißt
es daher willkommen, wenn Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer
christlichen Glaubens, vor allem im Einzelhandel, während der Karwoche
erleichtert Urlaub bekommen. Sie würde es ferner begrüßen, wenn während
der Karwoche durch bewusstes öffentliches Handeln auch im Bereich der
Ladenöffnungszeiten Freiräume zur Besinnung auf das Passionsgeschehen
geschaffen werden. Es geht dabei nicht um Kritik am Einzelhandel,
sondern darum, die christliche Elementarwahrheit wieder ins öffentliche
Bewusstsein zu rücken.
Dr. Frank
Zeeb, Kirchenrat
Ostern feiern
Der Auferstehung vielfältig nachspüren
Die Möglichkeiten, die Auferstehung Jesu zu feiern sind vielfältig und ganz
verschieden: Ob im Osternacht-Gottesdienst, der Auferstehungsfeier auf dem
Friedhof, den Festgottesdiensten am Ostersonntag und –montag oder dem
Emmausgang – meist sind es außergewöhnliche Orte, Zeiten oder Feiern, die
uns einladen, der Auferstehung nach zu spüren. Erleben,
wie eine dunkle Kirche durch Kerzenlicht erhellt wird und sich in den
Ostermorgen hinein singt; sich wie die beiden Emmausjünger vor 2000 Jahren
morgens auf zu machen und einen Weg gemeinsam gehen; Auf dem Friedhof dem
Tod entgegen singen: „Christ ist erstanden!“ - all das sind besondere
Erfahrungen, die man nicht vergisst. Sie machen uns klar: Ostern ist viel
mehr als nur Hase und Ei – Ostern ist das Andere, das Neue, Unerhörte in
unserer Welt.
Gott ruft uns, uns darauf einzulassen – und auf ihn.
„Projekt Weltmission“
Alle Kirchengemeinden unserer Württembergischen
Landeskirche unterstützen jährlich Projekte der weltweiten Mission,
Ökumene und Entwicklungshilfe. Jedes Jahr wählt deshalb auch unsere
Kirchengemeinde ein bis zwei Projekte aus, die wir mit Opfern aus
unseren Gottesdiensten unterstützen wollen.
In diesem Jahr haben wir uns für die folgenden
beiden „Weltmissionsprojekte“ entschieden: „Zentrum für Kinder mit
geistiger Behinderung in Palästina“ und „Mithilfe zum Aufbau eines neuen
Gesundheitszentrums in Kamerun“. Beide Projekte leisten jeweils in ihrem
Bereich unendlich wertvolle Arbeit und ermöglichen Menschen ein besseres
Leben. Aus christlicher Verantwortung füreinander heraus helfen Menschen
ganz konkret einander und tragen so die Liebe Jesu in die Welt.
Wir möchten sie Ihnen in diesem Gemeindebrief
vorstellen und Ihnen bei Ihrem nächsten Gottesdienstbesuch das Opfer ans
Herz legen, wenn es heißt: „Das Opfer des Gottesdienstes ist für unsere
Weltmissionsprojekte bestimmt“.
Aufbau eines Gesundheitszentrums in Kamerun
Hilfe!
Malen
Sie sich das folgende Szenario aus: Die Stadt Mössingen sei
doppelt so groß wie heute, habe also über 40000 Einwohner, und
es gebe, aus welchem Grund auch immer, hier von heute auf morgen
keinen Allgemeinarzt mehr, keinen Facharzt, keine Unfallklinik,
keine physiotherapeutische Praxis, keine Apotheke…. kurz, keine
medizinische Versorgung im ganzen Stadtgebiet. Die nächsten Orte
mit stationärer und ambulanter medizinischer Versorgung lägen
weitab, seien schwer zu erreichen. Notstand mitten im Wohlstand.
Weder ein zuständiger Minister noch der
Landrat noch der OB, noch die kassenärztliche Vereinigung noch
die Krankenkassen hielten die Proteste der Kranken und derer,
die es nicht werden wollen, länger als eine Woche aus. Es würde,
woher auch immer, ganz schnell nicht wenig Geld in die Hand
genommen. In Mössingen.
Ganz im Norden
Kameruns, im überwiegend landwirtschaftlich strukturierten
Bergland von Tourou, gibt es eine Gegend, bewohnt von rund 50000
Menschen, die bislang kaum Zugang zu medizinischer Versorgung
hatten.
Seit
2009 ist der Evangelische Kirchenbund von Kamerun dabei, dort
die Voraussetzungen zu schaffen für den Aufbau eines
Gesundheitszentrums. Behördliche Genehmigungen sind erteilt.
Gelände steht zur Verfügung. Ein Brunnen ist im Bau. 2011
sollten erste einfache Häuser für die Kranken und ein Wasserturm
errichtet werden. Jetzt steht der Bau eines größeren
Arbeitsgebäudes an.
Für diesen Bau,
besonders für seine Inneneinrichtung, bittet nun die
Missionsgesellschaft „SAHEL LIVE“ (Sitz in Kirchheim/Teck)
unsere Kirchengemeinde zusammen mit anderen um einen Zuschuss
von 20000 €. Ein Tropfen
auf einen heißen Stein? Besser: Ein notwendiges Startkapital.
Die Spenden, die im Februar in der
Peter-und-Paulskirche beim Konzert „Mössingen singt und klingt“
geflossen sind, waren ein Anfang. Frau Dr. Waltraud Schippert,
bisher Hautärztin in Mössingen, wird demnächst ebenfalls bei
„SAHEL LIFE“ ihre Arbeit aufnehmen, auch in einem Krankenhaus
im Norden Kameruns.
|
Kooperation von Christen und Muslimen in Palästina
Ein „Leuchtturm der Hilfe“
Zum
Wohle von knapp 300 Kindern und Jugendlichen mit geistiger
Behinderung arbeiten in der Nähe von Ramallah in Palästina
Christen und Muslime als gut funktionierendes Team zusammen. Das
Förderzentrum auf dem Sternberg, das von der Herrnhuter
Missionshilfe mit insgesamt 97.000 Euro unterstützt wird, gilt
als Leuchtturm der Hilfe.Vom integrativen
Kindergarten über die Sonderpädagogik an einer Förderschule bis
zur Berufsausbildung reicht das Spektrum. Damit können Kinder
mit geistiger, manchmal auch zusätzlich mit körperlicher
Behinderung von klein auf gefördert werden. Ziel ist, sie an ein
möglichst selbstständiges Leben heranzuführen. Im Vordergrund
steht daher weniger die Wissensvermittlung als vielmehr die
Fertigkeiten, die nötig sind, um sich im Alltag zurechtzufinden.
Herausragende
sportliche Erfolge feierte die Förderschule bei den Olympiaden
für Menschen mit Behinderungen (Special Olympics); hohe
internationale Anerkennung genießt sie für ihre Kunsttherapie.
Doch damit nicht genug. In einem Umkreis
von 50 Kilometern erfahren die Kinder auch eine Förderung in
ihrem häuslichen Umfeld. Angeboten werden beispielsweise
Physiotherapie, Integrationsmaßnahmen und Hilfsmittelversorgung,
aber auch Ausflüge und Ferienaktivitäten. Ein wichtiger
Bestandteil dieser so genannten Dorfarbeit ist, die Familien zu
begleiten und zu schulen. Überdies sind Bürgermeister und andere
Träger der Sozialarbeit in das Projekt eingebunden. Das bewirkt,
dass die behinderten Kinder mehr und mehr aus ihrem Ghetto
herausgeholt werden können.
Die Förderung endet jedoch nicht mit der
Schulausbildung. Vielmehr wird jungen Menschen im Alter zwischen
15 und 25 Jahren auch eine Berufsausbildung ermöglicht. Je nach
Neigung können sie entweder lernen, wie Seide, Papier oder
Olivenholzprodukte hergestellt oder wie Handarbeiten und
kunsthandwerkliche Gegenstände angefertigt werden. Wer sich
lieber praktisch in Haus und Garten betätigen will, findet
ebenfalls Ausbildungswege, die seinen Fähigkeiten entsprechen.
So ist das Förderzentrum ein vielfältiger
Leuchtturm der Hilfe und zugleich ein Leuchtturm der Hoffnung,
weil es tagtäglich beweist, dass trotz aller Konfliktpotenziale
ein erfolgreiches Miteinander von Christen und Muslimen möglich
ist.
Vera Hiller
Weitere Info unter
www.starmountain.org |
Die Landeskirche hat das Jahr 2012 zum „Jahr des Gottesdienstes“
ausgerufen. Unterschiedliche Gottesdienstformen „sollen gefördert und
gefeiert werden“.
Unserer Kirchengemeinde ist dies schon seit vielen Jahren ein
Herzensanliegen. Wir bieten Gottesdienste für besondere Anlässe und
„Zielgruppen“ an, um Menschen unterschiedlichsten Alters und Frömmigkeit in
Gottes Haus einzuladen. Drei Gottesdienstformen, die es hier teilweise schon
seit über 10 Jahren gibt, stellen wir in dieser Ausgabe vor: Den
Jugendgottesdienst „SOS Jugo“ und den „Aufbruch-Gottesdienst“ als so
genannte „Zweitgottesdienste“ am Sonntagabend und den „Gottesdienst spezial“
als besondere Gottesdienstform am Sonntagvormittag.
Etliche andere besondere Gottesdienstformen haben wir in früheren
Gemeindebriefausgaben bereits vorgestellt:
Minikirche oder
Teenykirche zum
Beispiel, aber natürlich auch die
Kindergottesdienste an unseren Kirchen.
Osternacht und Passionsandachten waren ebenfalls im Blick, genauso wie
immer wieder auch besonders gestaltete Hauptgottesdienste am Sonntagmorgen.
Denn bei allen besonderen Formen zu verschiedenen Anlässen ist und bleibt
der Sonntagmorgengottesdienst für uns der alles verbindende und alle Gruppen
umspannende zentrale Ort der Gottesbegegnung für Jung und Alt. Chöre und
Gemeindeglieder gestalten diese Gottesdienste immer wieder eindrücklich und
geben der Predigt, in der uns Gottes Wort verkündigt wird, einen besonderen
Rahmen. Insofern war hier in Mössingen schon immer ein „Jahr des
Gottesdienstes“ und wird es auch nach 2012 sein, denn Gott selbst lädt uns
ein zu sich – Sonntag für Sonntag.
Ein Gottesdienst von Jugendlichen für Jugendliche

Der SOS Jugo im Steinlachtal geht nun
bereits in sein 13. Jahr. Er ist durch ein „SOS-Festival“ in der
Aula der Friedrich-List-Realschule entstanden und findet immer
5x im Jahr statt. Jeder SOS Jugo findet das Jahr über an einem
anderen Ort statt. Dabei werden verschiedene Veranstaltungsorte
in Mössingen, Ofterdingen, Öschingen, Talheim und Belsen
ausgewählt.

In den Gottesdiensten findet sich eine
Mischung aus fetziger und emotionaler Musik. Nach der Begrüßung
wird der eingeladene Referent interviewt, es gibt manchmal auch
ein Anspiel oder einen kurzen Input-Film. Anschließend hält der
Referent eine ca. 20-minütige Predigt, bevor es dann mit dem „Worshipteil“,
in dem ca. 4-5 moderne Lieder auf englisch und deutsch gesungen
werden, weitergeht. Einmal kommen bekannte Referenten aus dem
Land, manchmal eher unbekannte Begabte – oder auch Menschen aus
dem Nachbarhaus.

Alle Besucher können nach dem Gottesdienst
noch da bleiben, bei einem Imbiss etwas Schmackhaftes für den
Magen kaufen und ins Gespräch kommen.
Das Team besteht aus ca. 30 Ehrenamtlichen Mitarbeitern zwischen
16 und 25 Jahren und die meisten ihrer 100-200 Besuchern
befinden sich ebenfalls im Konfialter und aufwärts.

Der SOS JUGO ist Teil der „CVJM Company“
zwischen Mössingen, Ofterdingen, Talheim und Öschingen. Er hat
natürlich nicht nur eine Homepage (www.sosjugo.de)
sondern auch eine eigene Facebook-Seite.
Der nächste SOS JUGO findet am 12.02.2012
in der Peter-und-Pauls-Kirche unter dem Thema: „Privileg zu
sein“ statt. In diesem Sinne, ganz nach dem Motto der SOS
JUGO-Mitarbeiter: „Schnapp deine Freunde und komm!“
Anne Thun
|
Ich versuche, mich an den Ablauf eines
Gottesdienstes in meiner Nach-Konfirmandenzeit – die frühen
Fünfzigerjahre - zu erinnern: Wenn die Glocken ausgeläutet
hatten, saß die Gemeinde auf ihren Plätzen, der Organist spielte
zum Eingang. Das erste Lied wurde gesungen aus dem 1953 neu
aufgelegten Gesangbuch. Dann Eingangsvotum und Gruß des
Pfarrers, das Eingangsgebet, gesprochen vom Pfarrer, gefolgt vom
Stillen Gebet, der Schriftlesung und dem Wochenlied. Im
Mittelpunkt des Ganzen die Predigt. Das Lied nach der Predigt,
Fürbittegebet und Vaterunser mit Glockengeläut schlossen sich
an. Abkündigungen, Segen und Orgelmusik, während der die
Gemeinde schon die Kirche verließ, beendeten den Gottesdienst.
Seither sind 58 Jahre ins Land gegangen,
zwei Menschengenerationen sind nachgewachsen, politische,
gesellschaftliche und kirchliche Verhältnisse haben sich
gewandelt. Doch außer wenigen Erweiterungen des Liedguts und dem
im Wechsel gesprochenen Psalm finden heute noch in vielen
Gemeinden Gottesdienste in derselben Form statt, aktiv gestaltet
ausschließlich vom Pfarrer und dem Organisten.
Mit dem „Gottesdienst spezial“ möchte
Pfarrer Rieger nun seit einiger Zeit einmal im Monat zwei
vielfach geäußerten Anliegen entgegenkommen. Einmal soll mit
einer Reihe von geistlichen Liedern aus unserer Zeit, vor allem
erschienen unter den Titeln „Neue Lieder“ und „Feiert Jesus“,
die in Mössingen namentlich mit dem CVJM stark vertretene
jüngere Generation angesprochen werden. Syntaktisch einfacher
gebaute Sätze, näher an der heute gesprochenen Sprache
orientiert, viele moderne, auch umgangssprachliche Begriffe, ein
nicht immer einfacher, aber eingängiger Rhythmus und eine
weniger „schwere“ und „ernste“, mehr schwungvoll bewegte, das
Gefühl unmittelbar ansprechende Melodie zeichnen diese Lieder
aus, laden manchmal fast ein zu körperlichem Mitgehen. Dass
ganze Lieder oder Liedteile hin und wieder auf Englisch gesungen
werden, irritiert offenbar nur wenige Besucher.

Zum andern sollen vermehrt Gemeindeglieder,
durchaus nicht nur Funktionsträger, in die Gestaltung des
Gottesdienstes eingebunden werden. Die Leitfragen an mögliche
Teilnehmer heißen dabei: Wer macht was gern? und:
Wer kann was gut? Meist jüngere Leute übernehmen
so den Begrüßungsteil mit Eingangsvotum, Schriftlesung und
Fürbittegebet mit eigener Gestaltungsfreiheit.
Frau Rieger,
selbst ausgebildete Schulmusikerin, kann bei der Vorbereitung
der Lieder auf 4 bis 5 junge Frauen und einen jugendlichen
Percussionisten zurückgreifen. In der Regel mit vier von diesen
kann dann Frau Rieger nach inhaltlicher Absprache mit ihrem Mann
eine Liedauswahl treffen, das Ganze einüben und den Gottesdienst
gesanglich gestalten. Unauffälliges Management im Hintergrund,
namentlich bei der Vorbereitung, wird von einer
Kirchengemeinderätin geleistet. Das stimmlich nahezu
professionelle Gesangsteam singt dann, koordiniert und auf
Klavier oder E-Piano begleitet, eine Strophe vor, die Gemeinde,
dabei erstaunlich viele Ältere, stimmt mit allmählich wachsender
Sicherheit ein. Text und Noten werden für alle meist gut
sichtbar, vom Cheftechniker, einstweilen Pfarrer Rieger selbst,
an die Wand projiziert.
Der Kantor, Herr Löw, setzt den
gottesdienstlichen Rahmen mit Vor- und Nachspiel , begleitet
zwischendurch und variiert in ganzer Bandbreite zwischen
klassischer Musik und modernen Jazzrhythmen, nach Bedarf rasch
wechselnd zwischen Orgel, E-Piano und Klavier. Ein Choral als
Brücke zum traditionellen Gottesdienst ist übrigens fast immer
Bestandteil auch dieses Gottesdienstes.
Es wird deutlich: Der Gottesdienst wird in
dieser Form für viele zugänglicher und ansprechender, auf jeden
Fall aber, auch für den Pfarrer selbst, vorbereitungsintensiver.
Mehr Abstimmung tut not. Gedacht ist das nicht als ein
alternatives Gegenprogramm zu allem Herkömmlichen, eher eine,
auch an den örtlichen Verhältnissen orientierte, integrative
Ergänzung des traditionellen Gottesdienstes. Die Kernstücke der
klassischen Agende bleiben, bei anderer Füllung und erweiterter
personeller Besetzung, erkennbar erhalten – in einem von vier
monatlichen Gottesdiensten.
Otto Schmelzle
|
Erst kam die Umfrage, dann der Aufbruch-Gottesdienst

Wünsche wurden wahr. Denn das unmittelbare
Ergebnis einer Meinungsumfrage ist der Aufbruch-Gottesdienst. In der
umfangreichen Telefonaktion „Neu Anfangen“ waren Bürger vor gut
zwölf Jahren gefragt worden, wie sie sich Kirche und ihren
Ideal-Gottesdienst vorstellen. „Wir würden den Gottesdienst
besuchen, wenn er nicht so wäre, wie er ist“, gaben viele der
Befragten zu Protokoll und ergänzten: in verständlicher Sprache und
mit Predigten, die an Alltagsthemen aufgehängt sind. Und auch den
Sonntagmorgen wollten viele Nicht-Kirchgänger vor allem zu einem
nutzen - zum genüsslichen Ausschlafen.
An genau diese Wünsche hielt sich das Team,
welches das Konzept für den Aufbruch-Gottesdienst entwickelte. „Es
war uns auch klar, dass wir moderne Lieder und weithin gebräuchliche
Instrumente an Stelle von Chorälen und Orgel verwenden wollten“,
sagt Dieter Mang rückblickend, der seit den Anfangstagen im Jahr
1999 dazugehört. Jeder Aufbruch-Gottesdienst ist inzwischen das Werk
eines 40-köpfigen Organisationteams, das sich wiederum in
Fachgruppen wie etwa das Kreativ-Team, das Musik-Team oder das
Technik-Team untergliedert ist.
Daher birgt jeder Aufbruch-Gottesdienst nicht
nur ein Kern-Thema in sich – im Januar etwa die Arbeit - für das
kompetente Referenten gewonnen werden konnten, sondern zugleich auch
immer eine kreative Überraschung zur Einstimmung in das
Predigtthema. Aufbruch-Termin ist übrigens alle zwei Monate immer
sonntagabends ab 17.30 Uhr; der Imbiss nach dem Gottesdienst gehört
zum festen Ritual.

Auf Familienfreundlichkeit wird besonderer Wert
gelegt, doch kommen nach Beobachtung von Dieter Mang alle
Altersgruppen, um sich kurz vor Beginn der neuen Arbeitswoche
stärkende Impulse dafür zu holen: „Die Kirche ist immer ganz gut
besetzt“, freut er sich über die Resonanz. Ständige
Aufbruch-Adresse ist zwar die Martin-Luther-Kirche, doch das
Mitarbeiterteam kommt aus verschiedenen Mössinger Kirchen-Gemeinden;
auch aus Belsen stoßen Ehrenamtliche mit dazu. Weitere Mitarbeiter
mit Ideen und Tatkraft sind jederzeit herzlich willkommen.
Die nächste Gelegenheit, einen
Aufbruch-Gottesdienst zu besuchen, ist am 18.März. Die Predigt zum
Thema „Ständige Veränderung - Immer mehr Menschen auf der Suche nach
Beständigkeit“ wird dann Gustavo Victoria, Dozent und
Fernsehmoderator bei der Liebenzeller Mission, halten.
Vera
Hiller
|
|