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Dezember 2007: Über die Bedeutung von Glocken

Über Glocken und die neue Läuteordnung in Mössingen

Im Mittelalter klangen die Glocken besonders süß

Glocken sind die Stimmen christlicher Kirchen. Ihre Geschichte ist eng mit der Ausbreitung des Christentums verbunden, doch sie stammen aus einem Land, in dem bis heute nur relativ wenig Christen leben: aus China. Von dort gelangten Glocken um das Jahr 700 vor Christus über Vorderasien in den Mittelmeerraum.  

Es sollte jedoch noch einmal gut 1300 Jahre lang dauern, bis die Glocke als kirchliches Instrument ihre eigentliche Bestimmung fand. Erst um das Jahr 600 nach Christus ist sie in dieser Funktion nachweisbar. Zu Zeit der Völkerwanderung waren frühchristliche Gemeinschaften entstanden; 529 hatte Benedikt von Nursia den Benediktinerorden gegründet, der zum Vorbild für das europäische Mönchswesen wurde.

Parallel zur Ausbreitung des Christentums setzte sich zur Zeit Karls des Großen (um 800) der Glockenguss aus Bronze durch, der den Ton durchdringender und weithin hörbar machte. Bis heute wird dieses Material zur Herstellung von Glocken verwendet. 

Typisch für die Ur-Glocken war die Form eines Bienenkorbes. Im Laufe der Jahre wandelten sich Form und Profil der Glocken – die so genannten Glockenrippen. Waren zwischen 1150 und 1250 noch die Zuckerhutglocken mit ihrem helleren und klareren Klang stark verbreitet, setzten sich ab dem 14. Jahrhundert die gotischen Dreiklangrippen durch. Ihre Klanggestaltung, bei der die tieferen Teiltöne des Glockenklangspektrums (Prinzipaltöne) in einem konstanten Verhältnis untereinander und zum Schlagton stehen, gilt bis heute als Norm.

Eine Flaute erlebte die Glockengießerei im 16. und 17. Jahrhundert. Deshalb ließ auch die Qualität nach: Die meisten Renaissanceglocken sind vom Klangniveau her mit gotischen Glocken nicht vergleichbar.

Als im 19. Jahrhundert eine neue Begeisterung fürs Mittelalter aufkam, gelangte auch die gotische Dreiklangrippe wieder zu Ehren – meist jedoch, ohne deren musikalische Qualitäten zu erreichen.

Dass auch bei der Glockengießerei die Übung den Meister macht, zeigt sich am beachtlichen Niveau dieser Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals mussten viele Glocken neu beschafft werden, und wohl dadurch konnten die handwerklichen Künste der mittelalterlichen Meister erreicht oder teilweise sogar noch übertroffen werden.

Glocken sind schützenswerte Kunst-, Kultur- und Musikdenkmäler, weil sie immer auch ihre Entstehungszeit mit abbilden.           

Diese Zeitgeschichte der besonderen Art lässt sich ganz in der Nähe verfolgen. Denn im   Glockenmuseum in der Stiftskirche Herrenberg sind mehr als 30 Glocken aus über tausend Jahren Glockengeschichte versammelt. Damit besitzt die Kirche das umfangreichste Kirchengeläut Deutschlands, das nicht nur zu sehen, sondern zu festgelegten Zeiten sogar zu hören ist.

Fotos + Info unter www.glockenmuseum-stiftskirche-herrenberg.de.               Vera Hiller

Mössinger Glocken

Peter-und-Paulskirche

Betglocke e’: 1200 kg; 124 cm Durchm. - 1950 Glockengießerei Grüninger

Kreuzglocke gis’: 600 kg; 97 cm Durchm. - 1959 Glockengießerei Kurtz

Zeichenglocke h’: 350 kg; 83 cm Durchm. - 1950 Glockengießerei Grüninger

Taufglocke cis’: 200 kg; 73 cm Durchm.- 1959 Glockengießerei Kurtz

Alle vier Glocken sind in der Qualität „schwere Rippe“. Das Motiv des Liedes „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ kann angeschlagen werden. Der Glockenstuhl ist ein Eichengerüst, jeweils zwei Glocken hängen neben- bzw. übereinander. Die Läutemaschinen sind elektrisch, mit Funkuhr, programmierbar. Schlagwerk an der Betglocke für den Stundenschlag, an der Kreuzglocke für den Viertelstundenschlag.

Martin-Luther Kirche

Betglocke  h’: 303 kg; 80 cm Durchm.; Kreuzglocke d’’: 216 kg; 72 cm Durchm.; Taufglocke e’’: 146 kg; 63 cm Durchm.

Alle drei Glocken 1963 gegossen von der Glockengießerei Rincker, in der Qualität „mittelstarke Rippe“, Der damalige Glockensachverständige schreibt im Abnahmeprotokoll: „Der Glockenguss ist bestens gelungen; der Klang fügt sich brauchbar zum Geläut der Peter-und-Paulskirche ein, das Tedeum-Motiv ist nun in Mössingen vorhanden.“ Der Glockenstuhl ist ein Stahlträgergerüst, die Glocken hängen übereinander. Die Läutemaschinen sind elektrisch, mit Funkuhr, programmierbar. Schlagwerk an der Betglocke (außer Betrieb).

Johanneskirche

Von Mössinger Gemeindegliedern, die aus Siebenbürgen-Sachsen stammen, erhielt die Johanneskirche eine Glocke aus deren ehemaliger Heimat übereignet. Sie ist im Foyer der Johanneskirche zu besichtigen. Ein Glockenturm soll demnächst noch gebaut werden. Es ist eine elektrische Läutemaschine, mit Funkuhr, programmierbar, vorgesehen. Spenden werden auf dem Kirchenpflegekonto unter dem Stichwort „Johannesglocke“ dankbar angenommen.

 

Die neue Läuteordnung

Der Kirchengemeinderat hat beschlossen mit dem Beginn des neuen Kirchenjahres ab 1. Advent zunächst probehalber eine Läuteordnung für die Glocken unserer Kirchen einzuführen. Gegenüber den seitherigen Läutegewohnheiten gibt es einige Änderungen. Die Betglocke wird nun in beiden Kirchen dreimal am Tag geläutet. In Peter und Paul morgens um 6.00 Uhr, in Martin Luther um 7.00 Uhr, jedoch jeweils nur von Montag bis Freitag. Zur Mittagszeit um 12.00 Uhr und am Abend um 19.00 Uhr werden während der ganzen Woche die Betglocken erklingen. Das Vesperläuten mit der Kreuzglocke erfolgt in beiden Bezirken um 17.00 Uhr. Neu ist in Mössingen, dass jeder Sonntag „eingeläutet“ wird. Am Samstagabend um 18.00 Uhr erschallen alle sieben Glocken zusammen. Am Sonntag wird eine Stunde sowie eine halbe Stunde vor Gottesdienstbeginn mit der Zeichenglocke bzw. Betglocke geläutet.  Von 22.00 Uhr bis 6.00 Uhr gibt es wie bisher weder Glockengeläut noch Glockenschlag. Mit einer Ausnahme: In der Silvesternacht läuten um 24.00 Uhr alle Glocken das Neue Jahr zehn Minuten lang ein. Am Karfreitag ruft nur die Kreuzglocke zum Gottesdienst. Das Vaterunser wird mit der Betglocke signiert und in der dritten Stunde des Nachmittags erinnert die Kreuzglocke an Jesu Tod. Das Mittags- und Abendläuten sowie das Läuten am Karsamstag entfallen ganz.

 

Glocken Global

Im Internet- Lexikon Wikipedia wird die Glocke als ein meist selbst klingendes Musikinstrument beschrieben. Doch eigentlich ist sie noch viel mehr und wird auch nicht nur ausschließlich von der Kirche benutzt:

Wussten Sie schon…,

…dass die Glocke in diversen Liedern besungen wird, man denke nur an ,, Die Glocken von Rom“ ?

…dass Glocken früher zur Warnung benutzt wurden?

… dass sie in Filmen, z.B. ,,Der Glöckner von Notre- Dame“ eine große Rolle spielen?                                               

…dass die Glocke der Big  Ben in London um die 13,5 Tonnen wiegt?

…dass die Freiheitsglocke im Berliner Rathaus Schöneburg jeden Sonntag im Deutschlandradio zu hören ist?

Und dass sind nur einige Dinge, die die Glocke heutzutage übernimmt.

 

 

Oktober2007: Vom Wert und Umgang mit der Nahrung

„Unser tägliches Brot“

1. Ernte-dank-fest oder Ernte-denk-fest?

Früher stand das Erntedankfest für die Freude über die Gaben, welche Gott, der Schöpfer uns Menschen geschenkt hat. Doch was ist heute?  

Kaum ein Tag vergeht ohne Berichte über Lebensmittelskandale. Es schüttelt einen vor Ekel, wenn man liest, in welchen Dimensionen „Gammelfleisch“ als vermeintlich frischer Imbiss verkauft wurde. Ganze Bücher gibt es inzwischen über die Tricks, mit denen Lebensmittel auf „edel“  getrimmt werden. Sägespäne statt Fruchtfleisch im Orangensaft oder auf künstlichem Weg hergestellte Fruchtstückchen im Joghurts zeugen – freundlich ausgedrückt – von den findigen Verkaufsmethoden im Lebensmittelhandel. Zu geringe Gewinnspannen würden zu solchen Methoden zwingen: So heißt es, wenn wieder irgendein unappetitliches Detail aus dieser Branche zutage tritt.

Dass qualitativ gute Lebensmittel ihren Preis haben, steht außer Frage. Für Bio-Produkte von glücklichen Hühnern oder Kühen hat der Verbraucher das zum Glück schon akzeptiert. Die Qualitätsoffensive kann sogar dann gestartet werden, wenn man selbst im Bereich der  Lebensmittel mit jedem Cent rechnen muss. Ernährungsexperten behaupten schon immer, dass eine hochwertige Ernährung nicht zwangsläufig teurer ist als der zweifelhafte Genuss minderwertigen Essens.

Einleuchtend ist sicher, dass eine Tafel gute Schokolade auch der Gesundheit zuträglicher ist als zehn Tafeln Billigschokolade zum gleichen Preis. Im Sinne der Suchtprävention ist immer wieder der Rat zu hören, sich – wenn überhaupt - die allerteuersten Alkoholika zu leisten, die es gibt, weil dann ganz automatisch weniger getrunken wird.

Die besten Küchen der Welt beweisen, dass gutes Essen vom Geldbeutel relativ unabhängig ist. In China zaubern die Garküchen am Straßenrand aus etwas Reis und Gemüse die leckersten Gerichte. Die unendlichen Pasta-Versionen der italienischen Küche lassen sich immer auf das Prinzip Nudeln und Sauce zurückführen. Selbst Spitzenköche kommen mit wenigen Zutaten aus, wie wir im Fernsehen bei Kochsendungen immer wieder sehen.

Wer etwas Mühe und Kreativität investiert, kann gut essen und dabei Geld sparen. Muss es denn das Fertiggericht sein? Warum die Spaghetti-Tomatensauce-Packung wählen, wenn sich aus Spaghetti, Tomatenstückchen aus der Dose und Kräutern von der Fensterbank das gleiche Gericht viel billiger und schmackhafter herstellen lässt? Warum zum Sahne-Schokopudding-Becher greifen, wenn Puddingfertigpulver, Milch und Sahne besseren Dessertgenuss zum kleineren Preis garantieren?

Ein paar Anregungen für einfache, günstige und schmackhafte Rezepte finden sich in diesem Gemeindebrief. Sie möchten ganz im Sinne eines Ernte-denk-tages zu einem kreativeren, bewussteren und sinnenfreudigeren Umgang mit dem anregen, was uns die Schöpfung heute noch schenkt. Und damit käme man der ursprünglichen Bedeutung des Erntedankfests doch wieder ziemlich nahe. 

Vera Hiller

2. Störfälle

Auch in Mössingen!?

Und? Was sagst du jetzt? Wie war’s? Hab ich zu viel versprochen?

Wie’s war? Mensch, geile Party! Tolle Typen! Alle in edlen Klamotten! Heiße Band! Und erst das Büffet! Alles vom Feinsten! Filetscheiben vom Angusrind, Shrimps mit Steinpilzen, geräucherte Forellen! Die Desserts! Ein Jammer, dass ich mich nur halb durcharbeiten konnte. Das krieg ich mit einmal Tennisplatz gar nicht runter.

Die Weine nach dem frisch gezapften Pils! Durchweg  schwere, alte Jahrgänge. Die gehen ins Mark. Und: alles, alles Bio! hat die Frau des Hauses versichert.

Ein bisschen Bewegung ist jetzt gut für den Body. War schon okay, dass wir ohne Auto gegangen sind. Gut für den Führerschein.

Schon drei Uhr. Komm, wir kürzen ab über den Parkplatz vom Supermarkt.

Frisch heute Morgen, und neblig. Es wird Herbst. Hach, was freu ich mich auf mein Bett nach diesem Abend!

Psst! Sei mal leis! Bleib stehen! Guck, dort unter der Laderampe steht einer, ein Fahrrad neben sich. Er leuchtet mit einer Taschenlampe herum.

Mensch, du, vielleicht ist das einer von denen, die in der letzten Zeit Geschäfte knacken in der Stadt.

Wart, wo hab ich denn mein Handy – da, jetzt hab ich`s. Ich wähl die 110. Vielleicht erwischt die Polizei mal einen in flagranti. Mist! Verwählt! Verdammter Wein! Jetzt noch einmal, ganz ruhig…

Gib’s auf! Du warst zu laut. Da, er haut ab, ohne Beleuchtung. Du hast ihn verscheucht. Wir fangen den nicht.

Er hat was verloren – eine Kiste oder so. Das Zeug liegt auf der Straße. Komm, wir sehen nach!

Was hat er mitgehen lassen? Leucht her mit deinem Feuerzeug!

Ach Gott – schwarze Bananen, zermatschte Kiwis, Paprikaschoten, verschrumpelt.

Und da, Bötchen von vorvorgestern, ein Baguette, steinhart – Da drüben steht der Müllcontainer, offen.

Der hat sich sein eigenes Büffet zusammengestellt. Ob er Kinder hat?

Wühlt im Abfall! Gibt’s so was denn noch, wo alles so billig ist?

Was heißt billig? Billig für uns. Komm, wir lesen die Sachen zusammen und tun sie zurück in die Kiste. Vielleicht, dass er zurückkommt.

Da kannst du lange warten, der kommt nicht mehr. Wir haben ihn aufgestört.

Wir haben ihn aufgestört? Er uns auch.

Otto Schmelzle

 

3. Trockenes Brot?

Eine Soldatengeschichte

Wie hoch das Brot zu schätzen ist, das musste ich einmal als junger Mensch in Russland erfahren. Mit abgerissenem Äußeren und verängstigtem Gesicht kam einst an einem sonnigen Ostermorgen ein älterer Mann, er hätte mein Vater sein können, zu mir ins Quartier und bat mich um ein Stückchen Brot. Vielleicht hatte er eine Schar Kinder zu versorgen und wagte daher diesen Bittgang. Ich hatte gerade frisch Brot gefasst und war mit dem alten noch nicht zu Ende gekommen. Sollte es hart werden? So gab ich dem, der auf eine Scheibe gehofft hatte, mehr als einen halben Kommislaib auf einmal. Da geschah etwas, was mir wie ein Frevel vorkam. Der Mann fiel zu Boden und küsste mir die Stiefel vor Dankbarkeit.

Wie hoch musste der Menschenbruder die Gabe aus meinem Überfluss geschätzt haben. Mir aber wurde von diesem Erlebnis an das Brot heilig. Möge es uns nie daran mangeln!              Oscar Schilling

 

4. Wie viel ist Essen wert?

Essen- eigentlich etwas ganz Alltägliches für uns. Ich muss zugeben, dass auch ich zu denen gehöre, die einfach essen und sich nicht darum scheren, wie wertvoll es eigentlich ist für mich ist und wie froh ich darüber sein kann, dass ich etwas zu essen habe.

Aber wieso sollte ich mir auch Sorgen machen? ich kann mir überall Lebensmittel kaufen, sei es am Pausenverkauf in der Schule oder in einem normalen Supermarkt. Doch wenn ich mich an die Schule erinnere, denke ich doch anders darüber.

 Denn nicht überall auf der Welt ist das so leicht. Im Unterricht haben wir schon öfters darüber geredet, wie viele Menschen auf der Welt Hunger leiden müssen, während in den Industrieländern Essen oftmals verschwendet wird. Die Lehrer haben mit uns die Folgen von Nahrungsmangel besprochen und nachdem ich einige Bilder gesehen habe, war ich doch geschockt.

Ich verstehe nicht viel von Unterernährung oder vom Thema Nahrung allgemein und vielen anderen Schülern in meinem Alter geht es sicher ähnlich. Deswegen ist es auch schwer, die Frage zu beantworten: Wie viel ist Essen eigentlich wert? Für mich steht dieser Punkt nicht ganz oben auf einer List verschiedenster Dinge, weil ich einfach genug habe, aber vielleicht sollte ich diese Einstellung ändern. Es ist schließlich nicht sicher, ob man immer genug zu Essen hat.

Teresa Leins

 

5. Schnell – gut – billig!

Einige einfache Rezepte 

Grießnockerlsuppe

Ein Beutel Nockerlgrieß mit 30 Gramm Butter, einem Ei und einer Prise Salz verrühren, mit einem Teelöffel Nockerln formen und in eine kochende Gemüse- oder Fleischbrühe geben. 20 bis 25 Minuten ziehen lassen.

Tomatensuppe

1 Tetra Pack „Pass. Tomaten 500 gr“  mit Wasser zu Suppe verdünnen und mit klarer Brühe würzen, kurz aufkochen und nach belieben abschmecken mit z.B. italienischen Kräutern, Knoblauch usw., und event. auch mit Sahne verfeinern, dazu 2 Wecken in Würfel schneiden und in Fett knusprig rösten und über die Suppe verteilen.

Käseauflauf

Sechs Tomaten kleinschneiden und mit einer kleinen Dose Erbsen (extrafein) in eine ausgefettete Auflaufform geben. 500 Gramm Kefir, vier Esslöffel Mehl und drei Esslöffel Käse verrühren, vier Eier dazu, mit Salz und Pfeffer abschmecken. Die Masse über das Gemüse geben und für circa 50 Minuten in einen 180 Grad warmen Backofen schieben.  

Schnelle Beilage

1 Tasse Mehl und 1 Tasse Hartweizengrieß mit wenig Salz gut vermischen, danach mit kochendem Wasser überbrühen und vermengen, bis ein fester Kloß entsteht. Mit einem Suppenlöffel Portionen abstechen und in kochendes Salzwasser geben. Nach ca. 5 min. sind diese „Mehlspatzen“ fertig.

Süße Nudeln

Nudeln wie gewohnt kochen, mit Zucker und geröstetem Weckmahel überstreuen, dazu schmeckt Apfelmus, aber auch jedes andere eingedünstete Obst.

August/September 2007: Schule und Kirche

Mössingen hat eine Schuldichte aufzuweisen, die ihresgleichen sucht. Neben allen Regelschularten gibt es mehrere Sonderschulen und sogar noch zwei Gymnasien vor Ort.

„Welche Bedeutung hat Glaube und Kirche in unseren Schulen?“, haben wir uns gefragt und wollen dazu exemplarisch in die beiden Schulen schauen, die von ihrer Struktur bzw. von Personen her eine besondere Verbindung zu Kirche haben: Das Evangelische Firstwald-Gymnasium, das ja in kirchlicher Trägerschaft ist, und die Körperbehindertenschule (KBS), an der eine Pfarrerin Religions- und Konfirmandenunterricht erteilt und zudem noch einen Seelsorgeauftrag hat. Weiterhin erinnern Eindrücke vom „Reliunterricht“ aus Schülersicht vielleicht manchen Erwachsenen an seine eigene Zeit in der Schule.

Klar ist: Christlich-religiöse Bildung an Schulen stellt den Fächerkanon in einen anderen Zusammenhang, und hat als Werte und Traditionen vermittelnder Unterricht eine wichtige, nicht zu unterschätzende Funktion für unsere Gesellschaft.

Uwe Braun-Dietz

Die Atmosphäre macht den Unterschied

Im Evangelischen Firstwald-Gymnasium werden christliche Werte vorgelebt

Es sind immer die Details, an denen sich die große Linie erkennen lässt. Der Termin mit dem Schulleiter des Evangelischen Firstwald-Gymnasiums in Mössingen verzögert sich um ein paar Minuten „wegen eines Gesprächs“, wie mir mitgeteilt wird. Und als sich dann die Tür des Zimmers öffnet, verabschiedet Helmut Dreher eine Unterstufenschülerin, die mit ihrem Ranzen auf dem Rücken einen sehr zufriedenen und selbstbewussten Eindruck macht. Unwillkürlich frage ich mich, ob ich in diesem Alter ebenso unbefangen auf meinen Schulleiter zugegangen wäre oder ob ich soeben Zeugin der besonderen Atmosphäre dieser Schule wurde.

Es mag daran liegen, dass das 1964 gegründete Aufbaugymnasium mit nur sechs Klassen in Internatsform ihren Anfang nahm. Schule und Freizeit gingen sowohl bei Schülern als auch Lehrern nahtlos ineinander über. Die Lehrer waren weit mehr als nur Vermittler des Lehrstoffs: Immer wieder wurde auch ihre sozialpädagogische Kompetenz nachgefragt.

In dieser Internatstradition sieht sich die Bildungseinrichtung, deren Träger die Schulstiftung der Evangelischen Landeskirche Stuttgart ist, noch heute. Und das, obwohl ab 1992 das neue Konzept anlief, das die Schule in ein zweizügiges Gymnasium in Normalform verwandelte. 

Ein enges Lehrer-Schüler-Verhältnis, erlebnispädagogische Aktionen zur Festigung des Klassenverbands, Gremien zur Weiterentwicklung des Schulkonzepts sowie eine intensive Zusammenarbeit zwischen Eltern, Schülern und Lehrern prägen das Miteinander. 18 Klassen, 45 Lehrer und 468 Schüler: So sieht die Statistik heute aus.

Die Ganztagesschule hat ab dem Jahr 2000 wieder Einzug gehalten und bietet von 7.40 bis 16.25 Uhr ein vielfältiges Programm für interessierte Schüler an – vom gemeinsamen Mittagessen über die Hausaufgabenbetreuung bis zur kreativen und/oder sportlichen  Freizeitgestaltung. Dabei spielt die Kooperation mit Mössinger Vereinen oder Schulen wie etwa der Jugendmusikschule eine große Rolle.   

Am offensichtlichsten tritt der christliche Gedanke in den regelmäßigen Ritualen und Feiern zutage: Das reicht vom Morgenkreis für die Unterstufenschüler über den „Raum der Stille“ und den erstmals durchgeführten Selbstfindungstagen für Oberstufenschüler im Kloster bis zum Reise-Segen am Schuljahresende.

Werte wie Nächstenliebe vermitteln das obligatorische soziale Praktikum oder die Kontakte zur Mössinger Altenbegegnungsstätte, wo Firstwald-Schüler Senioren beispielsweise den Umgang mit einem Handy beibringen. Toleranz lehrt die Maxime, dass im Gymnasium Schüler jeder Religionszugehörigkeit willkommen sind – von Muslimen über Juden bis zu einem Anhänger der japanischen Shinto-Sekte reichten bislang die Konfessionen. Methodisten oder Katholiken haben zudem die Möglichkeit, ihren Klassenkameraden vor Ort in den  Mössinger Kirchen zu zeigen, wo sie glaubensmäßig daheim sein. Austauschprogramme mit England und Palästina fördern darüber hinaus die Offenheit gegenüber anderen Kulturen.    

Sein „intensiv arbeitendes Kollegium“ lobt Helmut Dreher, der als Vikar in Mössingen begann und nach verschiedenen theologischen und pädagogischen Berufsstationen seit zwei Jahren das Gymnasium leitet.

Motivation für einen außergewöhnlichen pädagogischen Leistungseinsatz geben die zahlreichen positiven Rückmeldungen. Auch über die reine Lehrtätigkeit hinaus ließ sich  bereits vieles auf den Weg bringen. So besteht etwa die Möglichkeit für gute Realschüler (oder sehr gute Hauptschüler), am Firstwald-Gymnasium ihr Abitur nachzuholen – seit 2006 auf Wunsch wieder in Internatsform - und auch das Fachraumprinzip, bei dem Schüler zum Fachlehrer kommen (anstatt umgekehrt), wurde inzwischen umgesetzt. Erst angedacht ist in den Gremien dagegen die Idee, eine Grundschule zu etablieren, um auf diese Weise christliche Werte wie Gemeinsinn oder Versöhnungsbereitschaft ein ganzes Schulleben hindurch weitergeben zu können.

Wer sich für das Konzept der Evangelischen Firstwald-Schule interessiert, kann sich unverbindlich am 11. Oktober ab 19 Uhr beim großen Schulfest informieren.

Vera Hiller

In die Schule gehen

Sabine Löw ist Pfarrerinn an der KBS in Mössingen

„Könnten Sie sich vorstellen in die Schule zu gehen? mit 50% Pfarrerin an der Körperbehindertenschule in Mössingen zu werden?“ – diese Frage kam vor starken zwei Jahren auf mich zu.

Was ich wusste, was mich erwarten würde: mehrere Bildungsgänge  unter einem Dach:  Grund - und Hauptschule, Förderschule, Geistigbehindertenschule  – davon etliche SchülerInnen: „schwer mehrfach behindert“. Aha. Bislang war ich an „normalen“ Schulen – Gymnasium und Hauptschule. Ich sagte zu.

Seit dem Schuljahr 2005/06 bin ich nun im Haus A/B bei Jugendlichen ( das Haus A ist das Gebäude mit dem roten Kamin), zusammen mit sehr vielen MitarbeiterInnen, Zivis, Sozialen JährlerInnen…

Religionsunterricht ist meine Aufgabe. Außerdem räumt mir mein Dienstauftrag  Stunden und Zeit für Seelsorge ein. Zeit für Gespräche, Gottesdienste, Zeit für Konfirmationsvorbereitung und –feiern. Und Zeit, Gedenkfeiern für verstorbene SchülerInnen mit zu gestalten.

Als Aufgabe einer Pfarrerin sehe ich an, Menschen zu sagen, dass sie von Gott so geliebt und gewollt sind – wie sie sind. Gleichzeitig komme ich (wie so viele die ein Gymnasium und ein Studium durchlaufen haben…) aus einem Milieu, das Leistung, besonders auch intellektuelle Leistung, als etwas sehr Hochstehendes betrachtet. Mein Glaube als Christin und Theologin in der Tradition Martin Luthers, ist aber, dass wir Menschen ohne Ansehen unserer Leistung gerechtfertig sind von Gott. Wie soll ich das verkünden – wenn ich selbst in meinem Leben immer so viel Wert darauf lege, Leistung zu bringen?

Mit meinem Anfang an der KBS ging bei mir ein Prozess los – bei dem ich in die Schule ging. Ich lerne von meinen SchülerInnen. Viele der Jugendlichen in meiner Schule strahlen aus: ganz in Gottes Liebe zu stehen, ganz ohne Leistung, einfach durch Sein. Und was ich in der Schule lerne: Gott ist die Liebe. Ich fühle mich sehr, sehr beschenkt durch die Begegnung mit den Menschen in der KBS. Ich verstehe, was Ignatius von Loyola mit seinem "Prinzip und Fundament" geistlichen Lebens meint. Es ist nicht Sinn des Lebens, viel Leistung zu bringen, sondern Gott zu loben. Gesundsein ist nicht besser als Kranksein, nicht behindert zu sein, nicht besser als behindert, sondern sein Herz an Gottes Herz zu haben. Bei Ignatius lautet das so (EB 23):

Der Mensch ist geschaffen um Gott, unsern Herrn, zu loben, ihm Ehrfurcht zu erweisen und zu dienen und mittels dessen seine Seele zu retten.

Und die übrigen Dinge auf dem Angesicht der Erde sind für den Menschen geschaffen und damit sie ihm bei der Verfolgung des Ziels helfen, zu dem er geschaffen ist.

Daraus folgt, dass der Mensch sie soweit gebrauchen soll, als sie ihm für sein Ziel helfen, und sich soweit von ihnen lösen soll,
 als sie ihn daran hindern.

Deshalb ist es nötig, dass wir uns gegenüber allen geschaffenen Dingen, in allem, was der Freiheit unserer freien Entscheidungsmacht gestattet und ihr nicht verboten ist,
indifferent machen.

Wir sollen also nicht unsererseits mehr wollen
Gesundheit als Krankheit, Reichtum als Armut, Ehre als Ehrlosigkeit,  langes Leben als kurzes; und genauso folglich in allem sonst, indem wir allein wünschen und wählen,  was uns mehr zu dem Ziel hin führt,
zu dem wir geschaffen sind.

Verkündigung – Seelsorge-Religions-unterricht gehören meiner Auffassung nach so zusammen: Religionsunterricht ist Gottesdienst und Gottesdienst ist Seelsorge.

Durch die kleinen Klassengrößen (ca. acht SchülerInnen pro Klasse) ist es in ökumenischer (röm.-katholischer, orthodoxer und evangelischer) Gemeinschaft möglich, Gott ganz besonders intensiv zu spüren, miteinander auf dem Weg zu sein, voneinander zu lernen. Wir singen und beten, hören, was Gott uns in Geschichten in der Bibel sagen will. Wir setzen uns in Beziehung zu ihm und loben Gott. Ganz besonders schön ist für mich, dass die   KonfirmandInnenarbeit  ein Miteinander von Jugendlichen aus den verschiedenen Bildungsgängen der Schule ist.

Sabine Löw, Pfarrerin z.A. an der KBS

Religionsunterricht aus Schülersicht

Würden Sie einen Schüler fragen, was für ihn das Fach Religion bedeutet, bekämen Sie wahrscheinlich die Anwtort:,, Religion ist ein Fach, in dem man etwas ausspannen kann."

Ich muss zugeben, dass ich dieselbe Meinung teile. Das heißt jetzt nicht, das Religion ein Fach ist, in dem man schlafend sitzt, ganz nach dem Motto: ,, Alles schläft und einer spricht, den Zustand nennt man Unterricht." Nein, so ist das ganz und gar nicht gemeint. Religion ist einfach ein Fach, in dem man Dinge lernt, die mehr mit dem alltäglichen Leben zu tun haben.

Nach zwei anstrengenden Stunden Mathe und Deutsch freuen meine Freundinnen und ich uns immer auf Religion. Es werden schließlich nicht nur Dinge wie das Christen- und Judentum etc. behandelt. In unserem Unterricht geht es dazu noch um Konflikte, Freundschaft um christliche Einrichtungen usw. Diese Themen sind nie langweilig und manchmal bekommt man dadurch noch einen guten Tipp.

Es gibt aber auch noch andere Arten von Religionsunterricht an unserer Schule. Einige Schüler/innen aus meiner Klasse haben Ethik oder katholische Religion. Im katholischen Unterricht behandelt man in etwa die gleichen Themen. Ethik ist da schon wieder etwas anders: Hier bezieht man sich nicht nur auf eine Religion, sondern behandelt viele, was sich doch auch ziemlich interessant anhört! Man muss sich ja nicht nur auf die eigene Glaubensrichtung festsetzen.

Zusammenfassend muss ich sagen, das Religionsunterricht, egal in welcher Form, eine gute Bereicherung für den Schualltag ist und das die meisten ganz froh darüber sind, wenn sie es auch nicht zugeben wollen.

Teresa Leins

Juli 2007: Urlaub – wohin und wozu?

Für manche gehört der Urlaub so fest zum Jahresablauf wie Ostern oder Weihnachten. Der Frage, wohin die Reise in diesem Jahr gehen soll, widmen sie viel Zeit: Einen Billigflug buchen und für den Gegenwert eines ausgiebigen Essens nach Neapel, Barcelona oder Prag fliegen? Oder darf es zur Abwechslung mal etwas ganz Exklusives sein wie etwa Tahiti oder die Antarktis?

Noch Günter Wallraff schrieb in seiner Reportage „Am Fließband“ über einen Kollegen, der jedes Jahr einen Kredit über 2000 Mark aufnimmt, um mit seiner Frau in den Urlaub fahren zu können, und dann zwölf Monate lang dieses Darlehen abstottert. Das war 1966. Doch das System des „Urlaubs-über-Kredit-Finanzierens“ scheint sich weit über die Wirtschaftswunderjahre hinaus erhalten zu haben. Zu fest war der Urlaub im Alltag verankert, um ihn finanzieller Engpässe wegen einfach preiszugeben; zu viel Ansehen stand auf dem Spiel, wenn statt Mallorca oder Griechenland als Reiseziel die Nordsee oder gar das Allgäu angegeben werden musste.

Doch seit sogar ehemalige Traumziele wie etwa die Malediven von Pauschaltouristen überschwemmt werden, gilt es in manchen Kreisen fast als chic, im eigenen Land zu bleiben. Sylt ist beispielsweise so ein In-Treffpunkt. Warum auch nicht? Schließlich sieht Luxus überall auf der Welt gleich normiert aus.

Andere wiederum wählen inzwischen aus ökologischen Gründen ganz bewusst den Urlaub im Land, oder weil sie die Schönheit Deutschlands noch gar nicht wirklich entdeckt haben und dies nachholen wollen. Nicht umsonst wurde Deutschland erst kürzlich als eines der drei attraktivsten Länder weltweit im Reise- und Touristiksektor ausgezeichnet.

Doch es gibt auch immer mehr Menschen, die sich in Hartz-IV-Zeiten nicht einmal mehr den Urlaub auf dem Bauernhof leisten können. Eine Reise ist für sie zum unbezahlbaren Luxus geworden. Es fällt schwer, das zuzugeben, und insbesondere ihre Kinder leiden, wenn vor und nach den  Ferien nur eine Frage im Klassenzimmer steht: „Und wohin fahrt ihr in den Urlaub?“

So hart es klingt: Wir alle müssen Abschied zu nehmen von der Vorstellung, dass das Verreisen im Urlaub für alle weiterhin so selbstverständlich ist wie die Zeugnisausgabe zum Ende eines Schuljahrs. Genau genommen, ist das nicht einmal ein Unglück, sondern eine gute Chance, alte Gewohnheiten neu zu überdenken. Denn worum geht es denn im Urlaub? Um die Erholung. Ums Abschalten vom Alltag. Um die Chance, neue Eindrücke und Erlebnisse sammeln zu können, um Menschen kennen zu lernen oder mit geliebten Menschen zusammen zu sein.

Der römische Philosoph Horaz hat es schon vor 2000 Jahren treffend gesagt: „Die über’s Meer fahren, ändern nur das Klima – nicht die Gesinnung.“  Deshalb haben wir für alle, die ihre „Gesinnung“ und ihren Horizont hier in der Umgebung verändern wollen, ein paar Anregungen und Ausflugstipps zusammengestellt. Für den Urlaub – oder auch den wöchentlichen „Holy-day“. Und wenn Sie mitmachen, dann werden es noch mehr.

 

Reisen um den Kirchturm, aber mit viel Horizont

Längst wären alle Touristikunternehmen pleite, Gastronomen hätten entnervt aufgegeben, wenn auch nur die Hälfte aller Deutschen so gestrickt wäre wie mein Mössinger Bekannter, ein Mittsechziger. Der musste sich auf meine Frage, wie weit er in seinem Leben herumgekommen sei, lange besinnen. Dann meinte er: „Bis Schwäbisch Hall, nach Ulm, auf den Bussen, für einen Tag nach Colmar ins Ausland – „aber meistens, “fügte er schnell an, “meistens sonntags auf den Farrenberg, auf den Filsenberg, nach Seba  und in den Rammert.“

Ungefragt erklärte er sein heimatlich orientiertes Freizeitverhalten mit einem dankbaren Blick hinüber zu seiner Frau und sagte dazu leise: “Sonst hätt ich ja auch so oft in der Fremde essen müssen.“

Ob es ihn nicht doch einmal gereizt hätte, wenigstens über ein verlängertes Wochenende weiter wegzufahren? „Ab und zu vielleicht schon, aber …“ und dann kam es ohne Bedauern: „Wann hätt ich denn weiters fortgehen sollen, von meinem Geschäft?“ Sein Geschäft, das gibt  er nicht aus der Hand, bevor er in Rente geht. Und das Renteneintrittsalter, jedenfalls jenseits der 67, das bestimmt er selbst. „Ond so isch’s komma“ schloss er das Gespräch ab, „dass ich mit der Zeit s’Nichtstun verlernt han.“

Tief beeindruckt von so viel Selbstbescheidung bei so viel sachkundigem Urteil und so weitem Horizont in allen Dingen des Weltgeschehens, das ich von ihm kannte, beschloss ich, einmal einen Tag Urlaub im Sinn meines Bekannten zu machen und meine Wahlheimat an einem einzelnen Tag kennen zu lernen. Mit einer Radfahrt. Für halbwegs rüstige, neugierige Rentner empfehle ich also die folgende

Tour rund um die Markung Mössingen:

Vom Freibad – dort, wo auch die Jogger starten – auf dem Radweg nach Öschingen, am Ortsausgang Richtung Gönningen links ab auf den Firstberg, über die ehemalige Burg Fürst (Infotafel) zum Wasserbehälter, zurück nach Öschingen , durchs Bergvillenviertel ins Öschenbachtal bis zum (ins?) Waldfreibad, am südlichen Ortsrand auf die Talheimer Straße, von dort rund um den Fuß des Filsenbergs nach Talheim bis zur Bergkirche (Besuch?), zurück ins Tal und kurz vor der Steinlachbrücke links ab (die Fleißaufgabe auf den Farrenberg stelle ich anheim), über die Sportgaststätte auf die Belsener Straße (Zugang zum Bergrutsch!), raus aus dem Wald, zur Belsener Kirche (Rätselraten über die Motive am Westgiebel), auf der Hauptstraße übers Bahngleis zum Trinkpavillon (Prost!)- Ausruhen im Park vor der Kurklinik oder im Café dortselbst, weiter eine Zeit lang ortsfremd auf Ofterdinger Markung , die B 27 unterqueren und, wieder in Mössingen, über die untere Mühle zum Radweg entlang des Nordrings bis zum Nehrener Bahnhof, das Nehrener Gässle hoch, Dr. Gaebeles Rosenpark zur Rechten, über zwei neue Kreisverkehre und durch derzeit etwas ramponierte Landschaft, am Firstwaldgymnasium vorbei zurück zum Ausgangspunkt.

Wie viele Punkte zum Halten, Ausblicken, Studieren, Bewundern, Kritisieren, Ausruhen, Vespern und Trinken, sich Erinnern, sich Unterhalten mit alten und neuen und neugierigen Bekannten. Man kann die Strecke runterreißen in 2 bis 3 Stunden. Man kann sich auch einen Tag dafür nehmen und abends feststellen, was man hätte alles noch ansehen können auf dieser Fahrt rund um Mössingen.

Otto Schmelzle

Kleinod direkt vor der Haustür: Barfuß-Pfad im Kurpark

Oft lauern die größten Abenteuer direkt vor der Haustür. Denn ein bisschen Überwindung kostet es schon, die Füße bloßzulegen und ihnen die Freiheit des unmittelbaren Kontakts zum Boden zu gönnen. „Barfußlaufen“ nennt sich das Experiment, auf das sich viele Menschen seit ihrer Kindheit nicht mehr eingelassen haben. 

Wer es wagen will, dem sei der – übrigens kostenlose - Barfuß-Pfad im Kurpark von Bad Sebastiansweiler empfohlen. Die Strecke besteht aus kleinen und großen Steinen, aus  Rindenmulch oder einem Balanceakt über einem Holzstamm, aus Sand-, Rasen- oder Waldflächen - so  prasselt auf wenigen Metern gleich ein ganzes Feuerwerk an unterschiedlichen Bodenstrukturen auf die Fußsohlen sein. Der Barfuß-Pfad ist so etwas wie eine begehbare Fußreflexzonenmassage.

Genauso wirkt er auch. Wie jede neue oder wiederentdeckte positive Erfahrung erfrischt auch das Barfußlaufen Körper, Geist und Seele gleichermaßen.

Wer weitere Sinne ansprechen will, ist in Bad Sebastiansweiler  ebenfalls gut aufgehoben. Denn mit einem Duftkräuterbeet, einer Klang-Installation oder einer Holzscheibe mit grafischen Muster, das beim Drehen plötzlich lebendig zu werden scheint, stimuliert der neu angelegte „Sinnespfad“ beim Barfußpark Nase, Ohren und Augen.  

Schmecken lassen kann man sich das heilsame Wasser am Trinkbrunnen oder ein romantisches Picknick im Kurpark, bei dem sich alternativ zum Restaurantbesuch ein Picknickkorb mit Verpflegung nach Wahl zusammenstellen lässt. Wer übrigens das Essen im Freien schätzt, sollte immer diese nostalgische Art der Verpflegung wählen, weil sie im Gegensatz zu Einweggeschirr und Wegwerf-Verpackungen das Prädikat „besonders   umweltfreundlich“ verdient.

Diese Auszeichnung könnte dem ganzen Kurpark verliehen werden. Denn das Kleinod in Mössingens kleinstem Teilort zeigt exemplarisch auf, dass Freizeitangebote im Einklang mit der Schöpfung zu realisieren sind, und Originalität jedes platte Vergnügen um Längen schlägt.

  Vera Hiller

Tipps: Eisenbahnfahrt mit Kleinkindern und mehr

Ein Elternteil fährt mit Zug und Kinder nach Hechingen oder Balingen. Dort wartet das andere Elternteil mit dem Auto auf die restliche Familie. Dann mit Kühltasche auf einen Spiel- oder Grillplatz zum Vespern oder grillen oder sonst auch in Garten-wirtschaft einkehren.

Möglich ist auch nach Tübingen zu fahren und dort mit einem Tretboot, Ruderboot oder gar einem Stocherkahn über den Neckar zu schippern.

Von Mössingen aus perfekt erreichbar ist mit der Bahn Stuttgart. Dort sind Wilhelma,  das Rosensteinmuseum für Naturkunde, der Killesberg oder bei schlechtem Wetter auch das Planetarium immer tolle Ziele. Toll natürlich auch Reutlingen mit dem Spielplatz in der Pomologie, dem Naturkundemuseum, Heimatmuseum, der wunderschönen Marienkirche – oder noch weiter nach Bad Urach in die Stadt oderr zum Wasserfall.

Mit dem Fahrrad kann man zum Kastanienhof nach Bodelshausen. Dort gibt´s guten Kuchen, einen Spielplatz und Tiere zu besichtigen. Feste feiern mit mehreren Kindern in den Ferien kann man auf dem Bauernhof Schwille in Pfullingen. Ponyreiten ist schön auf dem Egerhof in Enigen.               

                            Rosemarie Kühnberger

Studienreisen fast zum Nulltarif

Wer auf den Spuren großer Dichter und Denker wandeln will, braucht in Baden-Württemberg keine großen Fahrten unternehmen, sondern kann sich Studienreisen fast zum Nulltarif zusammenstellen. 

In Gomaringen versah Gustav Schwab („Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums“) vier Jahre lang den Pfarrdienst; in Tübingen lebten Friedrich Hölderlin („Hyperion“), der als „Volksdichter“ verehrte Ludwig Uhland und Goethes Verleger Johann Friedrich Cotta, den der Dichterfürst 1797 besuchte. Mit dem Tübinger Stift sind übrigens auch Namen wie dem Astronomen Johannes Kepler oder den Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling verbunden.

Doch zurück zu den Literaten. Mit dem Schloss Liechtenstein setzte Graf Wilhelm von Württemberg dem Dichter Wilhelm Hauff (unter anderem auch: „Das Wirtshaus im Spessart“ mit dem Märchen „Das kalte Herz“) ein prächtiges Denkmal, das immer wieder einen Besuch wert ist.

In Calw kam Hermann Hesse („Siddharta“, „Der Steppenwolf“) zur Welt, dessen Werk „Unterm Rad“ der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki zu den 20 Büchern der deutschsprachigen Literatur zählt, die man unbedingt gelesen haben muss.

In Meersburg am Bodensee lebte die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff („Die Judenbuche“).

Wer ungefähr dieselbe Fahrzeit in Richtung Norden in Kauf nehmen will, sollte die Gegend um Heilbronn ansteuern. Auf dem Weg zu Justinus Kerners („Das Bilderbuch aus meiner Knabenzeit“, „Die Reiseschatten“) Heimat Weinsberg mit der Burg Weibertreu lohnt sich ein Abstecher nach Marbach, wo Friedrich Schiller („Die Räuber“, „Wallenstein“) das Licht der Welt erblickte. Im idyllischen Cleversulzbach lebte Eduard Mörike („Der Feuerreiter“, „Die Geister am Mummelsee“); Lauffen am Neckar ist Hölderlins Geburtsort, dessen Gedichte insbesondere in Asien sehr geschätzt werden.

Viele dieser Orte haben Museen oder Gedenkstätten für ihre berühmten Einwohner geschaffen, die einen Besuch wert sind. Natürlich geht auch, sich an diesem Ort irgendwo auf eine Bank zu setzen und in dieser besonderen Atmosphäre ein Werk des Dichters oder der Dichterin zu lesen. Wetten, dass dieses Gedicht dann ein Leben lang unvergesslich bleibt?       

Vera Hiller


 

Juni 2007 Die Schöpfung ist uns anvertraut

„Herrschen“ heißt „Fürsorgen“

„Füllet die Erde und machet sie euch untertan!“ Mit diesen Worten setzt Gott nach 1.Mose 1,28 den Menschen an die Spitze der Schöpfung. Doch offensichtlich haben wir da was falsch verstanden und derzeit beginnen wir die Folgen langsam zu erahnen: Klimaveränderung, Energieverschwendung, aussterbende Tier- und Pflanzenarten. Es hört sich nicht gut an, was uns durch Wissenschaftler und neuerdings auch durch Politiker da gesagt wird und wir merken, dass Gott mit „herrschen“ nicht „ausbeuten“ gemeint hat, sondern „Fürsorgen“.

Was richtig ist wissen wir alle: Energiesparen, weniger Auto fahren und fliegen, uns um Pflanzen und Tiere zu kümmern und ihre Lebensräume zu erhalten. In welcher Tradition hier unsere Kirchengemeinde steht und wie wir versuchen, diesem Auftrag heute nachzukommen, wollen wir auf den folgenden Seiten zeigen – denn was uns umgibt ist nur scheinbar selbstverständlich.

Tierschutz

Mössinger Pfarrer Dann war Vater des Tierschutzes

Genau genommen beginnt die Geschichte der deutschen Tierschutzbewegung mit einem Storchenmord in Mössingen. Denn als ein Elternteil eines Storchenpaares, das in der Mössinger Kirche brütete, von Kugeln durchlöchert aufgefunden wurde, verfasste der damalige Pfarrer Christian Adam Dann (1758 bis 1837) eine Tierschutzschrift mit dem Titel „Bitte der armen Thiere, der unvernünftigen Geschöpfe, an ihre vernünftigen Mitgeschpfen und Herrn, die Menschen“.

Darin macht sich der vom Pietismus geprägte Mössinger Seelsorger zum Fürsprecher der Tiere. Er stellt sie als Mitgeschöpfe Gottes dar und führt aus, dass sie zwar „unvernünftig“, aber deshalb nicht empfindungslos seien: „Tiere leiden unter dem, was ihnen die Menschen zufügen“.

Tierquälerei ist für Dann ein Ausdruck dafür, dass Menschen in Sünde verhaftet sind. Wer seine Sünden bereue und sich bekehrte, gelange jedoch zur Heilung und werde ein neuer Mensch.

Der Theologe träumt von einer Zukunft, in der die Tiere von ihren Leiden erlöst sein werden. Die Bitte der Tiere an die Menschen formuliert er eindringlich: „Macht unser meist kurzes, mühevolles Leben erträglich.“

Insbesondere im schwäbischen Pietismus hatte es schon zuvor ähnliche Gedanken gegeben, die in dem fast sprichwörtlichen Satz gipfelten: „Wenn sich ein Bauer bekehrt, merkt es auch sein Vieh im Stall“. Doch erst Danns Tierschutzschrift von 1822, der 1833 eine weitere folgte, führte fast unmittelbar zur Gründung des ersten Tierschutzvereins 1937 in Stuttgart unter seinem Freund und Kollegen Albert Knapp (1798 bis 1864).

Dies alles ist ein Beweis von Danns rhetorischen Fähigkeiten, die so bestechend gewesen sein müssen, dass sonntags sogar Theologieprofessoren ins Steinlachtal kamen, um seine Predigten zu hören.

Sein Rezept für praktizierten Tierschutz hat bis heute Gültigkeit: Durch „ein bisschen mehr Aufmerksamkeit“ könnte „manchen Tieren ein Leiden abgenommen“ oder „wenigstens gemildert“ werden. So wie Danns pietistische Glaubensbrüder beispielsweise einen Fuhrmann ermahnten, der seine Pferde gepeitscht hatte, könnte im Sommer etwas mehr Aufmerksamkeit einem Tier in einem überhitzten Auto das Leben retten oder eine couragierte Nachfrage in südlichen Urlaubsländern einem Kettenhund zur Freiheit verhelfen, wie der Komiker Hape Kerkeling in seinem Bericht über den Jakobsweg sehr anschaulich beschrieben hat.

Mössingen hat also eine tierschutzbewegte Vergangenheit, die Verpflichtung genug sein sollte, um dem Tierschutzgedanken in Mössingen auch in Zukunft einen besonderen Stellenwert einzuräumen.        Vera Hiller

Geschützte Insekten

Bienenasyl – eine Fortsetzungsgeschichte

Möglichst nah am Eingang der Martin-Luther-Kirche wollte ich mein Fahrrad abstellen, und doch etwas versteckt. Also gleich um die Ecke. Es ging nicht. Die ganze Südseite weiträumig abgesperrt mit rotweißen Bändern. Eine Baustelle. Zu einer schön gestuften Trockenmauer gesetzte Sandsteine auf der einen Seite. Auf der anderen Seite hatte man offenbar mitten in der Arbeit aufgehört. Die Mauer mündet im oberen Teil in einen lose aufgeschütteten Sandhaufen. Schlamperei bauseits? Oder war der Kirchenpflege das Geld ausgegangen?

Ich fragte beim Pfarramt nach und wurde belehrt. Das sei doch, erklärte nachsichtig Pfarrer Braun-Dietz, eine gezielte ökologische Maßnahme, und er verwies dabei auf einen bebilderten Bericht in der Oktobernummer des Gemeindebriefs vom Vorjahr: Zur großen Überraschung selbst des Bienenexperten Dr. Paul Westrich waren die Kinder des MLK- Kindergartens in ihrem Sandkasten auf Bienen gestoßen, die dort in tieferen Schichten ihre Nisthöhlen gebaut hatten: Exemplare der Efeuseidenbiene (colletes hederae), offenbar im Verlauf der Klimaerwärmung zugezogene Gäste aus südlicheren Gefilden (ausführlich dokumentiert im Internet unter www.wildbienen.info/forschung/projekte_01.php).

Nun sollten im folgenden Jahr Kinder und Wildbienen gleichermaßen zu ihrem Recht kommen. Durch finanzielle Mittel aus dem Artenschutzfonds des Landes Baden-Württemberg ermöglicht wurde den Wildbienen ein neuer Unterschlupf, sozusagen kirchliches Asyl, in besagtem aufgeschüttetem Sandhaufen angeboten. Die Fachleute sind zuversichtlich. Die Bienen werden bald einziehen.

Eine bislang hier unbekannte Bienenart im Steinlachtal - stellvertretender Vorbote für eine Veränderung von Fauna und Flora im großen Maßstab? Aus anderen Bereichen des Pflanzen- und Tierreichs hören wir vieles über Artensterben als Folge des unbegrenzbaren menschlichen Sich-breit-Machens. Da ist es schön, wenn wenigsten an kleinen Beispielen gezeigt wird, dass Erwachsene, Jugendliche und Kinder sensibel den Lebensraum unserer Brüder und Schwestern in der Schöpfung bewahren und erweitern können.

Eines müsste  aus der Geschichte von Noah und seiner Arche doch noch bei uns hängen geblieben sein: Gott wollte, bevor er die Sintflut entfesselte, „dass jede Art erhalten bleibt und sich wieder auf der Erde fortpflanzen kann“(1.Mose 7,3). Von einer Beschränkung der Artenvielfalt zugunsten des Menschen war nicht die Rede.

Ach ja, für das Fahrrad habe ich doch noch einen Platz gefunden, außerhalb der rotweißen Bänder.

Otto Schmelzle

Wider das Vergessen

Ein kleines blaues Blümchen

Als der liebe Gott die Blumen erschaffen hatte, sagte er zu den unzählig vielen Pflanzen in rot, gelb, lila, blau, rosa und alle den anderen Farben: „Ihr sollt Blumen heißen, aber jede von euch bekommt noch einen Eigennamen.“ Da freuten sie sich und waren natürlich sehr gespannt, was für einen Namen sie bekommen werden. „Ihr müsst euch aber gut merken , wie ihr heißt, denn so soll man euch ewig nennen,“ sagte der Herr noch, bevor er anfing die Namen zu verteilen. „Du mit den Dornen am stiel bist die Rose, du kleine duftende Violette bist das Veilchen, du große Gelbe siehst fast wie die Sonne aus, also heißt du Sonnenblume und so ging es weiter. Es dauerte natürlich sehr lange, bis alle wussten, wie sie heißen sollten, zum Beispiel: Löwenmaul, Trollblume, Wiesenschaumkraut, Gänseblümchen, Lilie und so weiter. Es war gar nicht so einfach für alle Pflanzen einen Namen zu finden. Endlich war es soweit und das liebe Gott fragte, ob alle ihren Namen hätten. „Ja“ riefen die Blumen im Chor und wiegten auf ihren Stängeln hin und her, dass es eine Freude war, all die bunte Pracht zu sehen. Noch einmal mahnte Gott: „Denkt daran, ihr dürft euren Namen nicht vergessen!“ Langsam kam die Dämmerung und die ersten Blumen ließen schon müde ihre Köpfe hängen und der himmlische Vater war froh, dass er diesen Teil der Schöpfung vollendet hatte. Plötzlich hörte er ein leises Weinen  und als er sich umsah , stand da ein kleines zartes Blümchen mit blauen Blütenblättern und einem leuchtend gelben Punkt in der Mitte. „JA, warum weinst du“ wurde es gefragt. Da schluchzte es noch lauter und stotterte unter Tränen: “Ich , ich habe mei mei meinen Namen vergessen!“ „Oh je,“ meinte der Herr, „aber deshalb musst du nicht gar so traurig sein“ und er überlegte und überlegte, doch selbst ihm ist nicht eingefallen, wie er das Kleine genannt hatte. Da kam ihm einen gute Idee und er lachte:“ Weißt du was, damit du deinen Namen nie mehr vergisst, sollst du für alle Zeiten Vergissmeinnicht heißen!“ Da hörte plötzlich das Weinen auf  und das Blümchen mit dem neuen Namen war sehr froh, erleichtert und glücklich und hat bis auf den heutigen Tag seinen schönen Namen nicht vergessen: VERGISSMEINNICHT“.

Rosemarie Kühnberger

 

 

Mai 2007 Angebote für psychisch Erkrankte und Menschen in Krisensituationen

"Kleine Schritte“ aus der Isolation

Jeder kennt die Mühen und Sorgen des Alltags. Doch das, was die meisten von uns so nebenbei erledigen, kann sich für psychisch kranke Menschen zu einem Berg an Aufgaben und Problemen auftürmen, vor dem sie vielfach kapitulieren. Bildlich gesprochen, ist für sie jeder kleine Schritt bereits eine riesige Wegstrecke.

Doch selbst die größten Wegstrecken beginnen mit einem ersten kleinen Schritt. Deshalb ist „Kleine Schritte“ als Name für das Projekt, das 1980 im Steinlachtal im Zuge der Psychiatriereform umgesetzt und seitdem ununterbrochen weitergeführt wurde, bis heute auch so passend.

Entwickelt von der damaligen Leiterin der Diakoniestation, Schwester Anne, und dem früheren Pfarrer der Peter-und-Pauls-Kirche, Ulrich Gohl, erhielten die „Kleinen Schritte“ später aktive Unterstützung von den Kirchengemeinden und wichtige Impulse vom sozialpsychiatrischen Dienst. Zeitweise sprachen Seelsorger bei Haus-zu-Haus-Besuchen  psychisch Kranke direkt auf das überkonfessionelle Angebot an.

Diese Menschen waren aus stationären Einrichtungen nach Hause entlassen worden, weil neue Medikamente ihnen halfen, ihren Alltag künftig eigenständig zu bewältigen. Doch die Isolation blieb. Denn trotz der subjektiven Riesenschritte, die die Patienten machten und machen: Bis heute reagiert die Gesellschaft mit Unsicherheit und daraus entstehendem Misstrauen und Ausgrenzung auf alle Verhaltensweisen, die ihrer Einschätzung nach befremdlich sind.

Es kann manchmal schon ausreichen, bis mittags im Bett zu liegen anstatt seine Hausarbeit zu erledigen. Dass möglicherweise eine Depression den Tatendrang lähmt, wird gar nicht in Betracht gezogen und so bleiben psychisch Kranke einsam.

Genau an diesem Punkt setzen die „Kleinen Schritte“ an. Im Laufe der Jahre weitgehend auf eine ehrenamtliche Basis gestellt, sind die beiden Grundsäulen „Gesprächskreis“ und „Teestube“ bis heute lebendig.

Den Gesprächskreis leitet seit sieben Jahren die Diplom-Pädagogin, Psychotherapeutin, Sozial- und Suchttherapeutin Evelyne Wiesmüller. Im Lesesaal des Alten Mössinger Rathauses treffen sich einmal in der Woche – jeweils dienstags von 18.30 bis 20.30 Uhr – sechs bis acht Teilnehmer. Sie tauschen Erfahrungen über ihre Krankheit aus, geben Rat bei Problemen und sprechen sich gegenseitig Trost zu. Weil Verschwiegenheit oberstes Gebot ist, herrscht ein sehr offener Umgang, und ein breites Themenspektrum kann angesprochen werden.

Zur Teilnahme am Gesprächskreis sind auch Menschen eingeladen, die sich in einer  Krisensituationen befinden. Dass beide Gruppen gut miteinander zurechtkommen, wie Evelyne Wiesmüller bestätigt, verwundert kaum. Denn wer schon einmal selbst erlebt hat, wie einem der Arbeitsplatzverlust den sprichwörtlichen Boden unter den Füßen wegziehen kann oder wer nach einer Scheidung nichts wollte, als sich die Bettdecke über den Kopf ziehen, kann besser nachvollziehen, was es heißt, mit seelischen Krisen nicht nur zeitlich befristet, sondern ein Leben lang kämpfen zu müssen.                      

                                                              Vera Hiller

In der „Teestube“ die Gemeinschaft pflegen

Einfach mal mit anderen Menschen zusammenkommen und einen Nachmittag lang alle seine Sorgen vergessen: Wer das will, ist herzlich in die „Kleine-Schritte-Teestube“ eingeladen. Treffpunkt ist immer donnerstags von 15 bis 17 Uhr im Gemeindehaus Mittelgasse. Ein vierköpfiges Team ehrenamtlicher Helferinnen stellt mit viel Engagement für jeden Termin ein vielfältiges Programm zusammen. Beim gemeinsamen Reden und Singen, beim Basteln oder Werkeln geht es in erster Linie darum, die Gemeinschaft zu pflegen und sich miteinander des Lebens zu freuen.

Angesprochen sind nicht nur Menschen mit psychischen Problemen oder in Krisensituationen, sondern beispielsweise auch Menschen, die sich einsam fühlen:  „Hier darf jeder so sein, wie er will“, versichern Berta Maier, Erne Lörcher, Rosi Schulz und Maria Haug.

„Kleine Schritte Steinlachtal“: Daten in Kürze  

Gesprächskreis: dienstags, 18.30 bis 20.30 Uhr, Lesesaal des Alten Rathauses,

Kontakt: Evelyne Wiesmüller, Telefon: 0162/6525430.

Teestube: donnerstags, 15 bis 17 Uhr, Gemeindehaus Mittelgasse (außer Schulferien), Kontakt: Erne Lörcher, Telefon 07473/6455, oder Berta Maier, Telefon 07473/4634

Die Teilnahme am Gesprächskreis und an der Teestube ist kostenlos, denn alle Auslagen ersetzen die kirchlichen Steinlachtalgemeinden. Zu beiden Veranstaltungen kann überdies ein Fahrdienst in Anspruch genommen werden, der Interessenten gegen einen kleinen Unkostenbeitrag zuhause abholt und später wieder zurückbringt. Die Anmeldung zum Fahrdienst erfolgt über Telefon 07473/951515.

 

 

 

April 2007: Konfirmation

Stichwort Konfirmation

Confirmare heißt „befestigen“

 "Mit 14 schon erwachsen" - wirklich? So jedenfalls ist die einschlägige Pressemitteilung der Württembergischen Landeskirche überschrieben. Klingt das nicht etwas vollmundig? Die sprachliche Herkunft des Wortes verweist eher darauf, dass da etwas, was noch im Werden ist, der Stabilisierung bedarf. Das lateinische Wort "confirmare" heißt soviel wie "befestigen, stärken". Befestigen kann man eine Stadt mit Mauern, kräftigen einen zarten Körper, und  einem zweifelnden Geist kann man Mut machen - alles passgenaue Bedeutungen im Blick auf einen Heranwachsenden im Konfirmandenalter. Nichts anderes ist gemeint, wenn unsere katholischen Mitchristen von der Firmung sprechen.

Erstmalig taucht der Begriff "Konfirmation" in Schriften des Reformators der Stadt Straßburg und des Elsaß Martin Bucer (deutsch: Butzer) im Jahr 1539 auf, der die Konfirmation der viel älteren katholischen Firmung entgegenstellt, die als Sakrament von den Protestanten abgelehnt wurde. Unter pietistischem Einfluss ist die Konfirmation deutschlandweit, in Württemberg seit 1723 eingeführt worden. In dieser Zeit fiel noch bei den meisten Jugendlichen die Konfirmation mit der Schulentlassung zusammen, markierte  tatsächlich den Eintritt in die Arbeitswelt, also ins Erwachsenenalter, ein Initationsritual, das ähnlich auch von anderen Religionen und Kulturen bekannt ist. Selbst die ehemalige DDR hat mit der Einführung der Jugendweihe auf diesen Ritus nicht verzichtet, die kirchliche Konfirmation in ihrem Herrschaftsbereich allerdings fast vollständig verdrängt.

Wenn nun in der Zeit zwischen dem 11.März und dem 20.Mai 2007 überall im Land Jungen und Mädchen des achten Schuljahrs im festlichen Gottesdienst durch Handauflegung gesegnet, an ihre Taufe erinnert werden und selber ihr Ja zum Glauben und zu ihrer Kirche sagen, sind sie tatsächlich auch - fast - im kirchlichen Erwachsenenalter angekommen: Sie dürfen eine Nottaufe vollziehen, selber das Patenamt übernehmen und als Religionsmündige über ihre Teilnahme am Religionsunterricht entscheiden. Das aktive kirchliche Wahlrecht bekommen sie allerdings erst mit dem 16., das passive mit dem 18. Lebensjahr.

Es fehlt nicht an kritischen Stimmen, die die Konfirmation als einen willkommenen Anlass zu einem Großfamilientreff betrachten, vor allem als Gelegenheit für die Konfirmierten, Geschenke einzusammeln und das Taschengeld aufzubessern. Daran ist, wie übrigens an Ostern und Weihnachten auch, solange nichts auszusetzen, als Hauptsache und Nebensache bei der Konfirmation nicht vertauscht werden. Das größte Geschenk, das vorbehaltlose Ja Gottes zum jungen Menschen, ist ohnehin das größte, und es hält ein Leben lang. 

Otto Schmelzle

Konfirmation früher

Mein Konfirmationskleid

Meine Konfirmation war im Kriegsjahr 1944. Da konnte man kein Festkleid kaufen, denn es gab ja nur das Allernötigste auf Bezugsschein. Also war guter Rat teuer. Meine Oma hatte eine Idee. Ich durfte mir ihr wohlgehütetes Brautkleid aus schwarzer Seide oder war es Taft, umändern lassen. Die Schneiderin zauberte für mich ein Kleid, ganz nach meinem Geschmack und ich war stolz und sehr dankbar. So konnte der große Tag kommen. Wir hatten eine schöne kirchliche Feier, zum Glück auch ohne Fliegeralarm. Zuhause aber, als ich mich hinsetzte, machte es „Ratsch“ und mein schönes Kleid hatte einen riesigen Schlitz. Ich war aber trotzdem froh, dass der alte, über vierzigjährige Stoff wenigstens die Kirche tapfer überstanden hatte.

Konfirmation 1944, Konfirmation 2007 dazwischen liegen Welten, aber die Hauptsache, Gottes Wort, Abendmahl und die Einsegnung sind gleich geblieben und sollten immer an erster Stelle stehen, weit vor der Kleiderfrage, damals wie heute.

Rosemarie Kühnberger

 

März 2007: Fasten und Verzicht

In den letzten Jahrzehnten sind viele traditionelle Riten und Bräuche verloren gegangen. Inzwischen suchen jedoch immer mehr Menschen wieder nach Ritualen und Formen, die ihnen Halt bieten und  das Leben bewusster machen. Eine Möglichkeit ist, die Passionszeit bewusst als Fastenzeit zu gestalten. Wir wollten wissen, was das heißen kann und haben verschiedene Blickrichtungen auf das Fasten gesammelt:

Fasten theologisch

Klärende Wüstenzeiten

„Jesus wurde vom Geist in die Wüste geführt. Er fastete dort vierzig Tage und wurde vom Teufel in Versuchung geführt.“ – so erzählen uns die Evangelien. Er zog sich also bewusst aus dem „normalen“ Leben zurück, unterbrach seinen gewohnten Lebensrhythmus. Er steht damit in der Tradition der Bibel, denn Fastenzeiten stellen dort wie in Religionen allgemein Zeiten der Unterbrechung und der Klärung dar: David sucht Gott – und fastet (2. Sam 12,16), der Pharisäer aus Lukas 18 ist stolz darauf, zweimal pro Woche zu fasten und sich damit ganz besonders sich selbst und Gott auszusetzen.

Die Geschichte von Jesu Fasten zeigt uns: Solche Zeiten sind immer Zeiten der Klärung. Egal ob aus einer Trauersituation heraus oder als bewusste Lebensgestaltung – wer fastet macht starke Erfahrungen. Jesus wird vom Teufel auf die Probe gestellt, das heißt: Er wird gezwungen, sich über sich selbst und seinen Weg klar zu werden. Er stärkt seinen Willen. Die Wüste klärt – und sie bringt Gott nahe, denn Gott ist von Alters her ein Wüstengott, der in Wüstenzeiten da ist. Das weiß Israel seit dem Auszug aus Ägypten.

Und so stellen Fastenriten, egal in welcher Form und Intensität auch heute noch ein Tor dar, um Gott zu begegnen.

Uwe Braun-Dietz

Fasten medizinisch:

Chancen und Grenzen

Das Fasten ist ein uraltes Ritual, das alle Kulturen und Religionen kennen. Durch den Verzicht auf Nahrung wird neben der Besserung körperlicher Beschwerden vor allem eine spirituelle Erfahrung gesucht. Ein Tor soll sich öffnen für Erkenntnisse, Erfahrungen und eine verstärkte Selbst– und Sinneswahrnehmung. Das  ist ein Effekt, der weit über das „Abnehmen“ hinausgeht.

Die moderne Medizin sieht sowohl positive als auch negative Auswirkungen des Fastens.

Der menschliche Organismus musste früher immer wieder Mangelsituationen ertragen, sonst hätten die Menschen Kriege und Hungersnöte nicht überleben können. Der Organismus kann mangelnde Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme eine ganze Weile ausgleichen. So können wir, sofern wir gesund sind, auf Flüssigkeit bis zu 24 Stunden verzichten, auf feste Nahrung über eine Woche.

Medizinisch gesehen bewirkt der Nahrungsentzug  eine Art Notfallreaktion des Körpers. Reserven werden mobilisiert, die ihn befähigen, mit dieser Veränderung zurecht zu kommen. Der Darm wird entlastet, der Blutdruck sinkt, das körperliche Wohlbefinden kann nach einer Übergangsphase von ein bis zwei Tagen als gesteigert empfunden werden. Manche Menschen berichten sogar von euphorisierenden Bewusstseinssteigerungen.

Man nimmt seinen Körper intensiver wahr. Das öffnet auch den Blick in die eigene Seele. Insbesondere, wenn man gemeinsam fastet und das Erlebte teilt.

Trotzdem muss das Fasten insgesamt kritisch gesehen werden.

Der Körper kommt in eine massive Belastungssituation. Es konnte bisher nicht bewiesen werden, dass durch Fasten die „Abwehrkräfte“ verbessert werden, die „Entschlackung“ des Körpers stattfindet, der Körper sich „entgiftet“. Ein gesunder Körper leistet dies ohnehin. Hingegen ist inzwischen wissenschaftlich gesichert, dass durch Fasten Krankheiten entstehen können. Schon innerhalb weniger Tage können sich zum Beispiel Gallen- und Nierensteine bilden. Noch wichtiger sind die möglichen psychischen Auswirkungen des gewollten Nahrungsentzugs. Wir alle wissen, wie viele Menschen unter Essstörungen leiden. Besonders für junge Erwachsene kann eine Fastenkur der Einstieg in eine Essstörung sein.

„Heilfasten“ kann eine positive, das Bewusstsein erweiternde Erfahrung sein, die auch körperliches Wohlbefinden und sogar Besserung einiger Beschwerden schenken kann. Allerdings sollte aus den oben genannten Gründen nicht ohne ärztliche Rücksprache gefastet werden. Es ist außerdem zu bedenken, ob nicht das alte „carne vale“, d. h. Verzicht auf Fleisch, Süßigkeiten, Alkohol oder Nikotin mehr bringt. Auf jeden Fall ist es weniger gefährlich! Man könnte im Zusammenhang mit „sieben Wochen ohne“ vielleicht einen ersten Versuch machen...                  

Dr. med. Wolf Schönleber

Fasten praktisch:

Kein Alkohol und Fernsehen

Verzicht zur Fastenzeit kann viele Formen annehmen

Keiner muss eine Null-Diät machen, um wertvolle Fastenerfahrungen sammeln zu können. Es reicht aus, für einen begrenzten Zeitraum auf eine lieb gewordene Gewohnheit zu verzichten: zum Beispiel auf den Kuchen zum Nachmittagskaffee oder aufs Glas Rotwein zum Abendessen.

Schon diese einfache Aufgabe bringt einen in Sachen Selbsterfahrung ein gutes Stück weiter. Denn weder Kuchen noch Wein sind zum Überleben notwendig – warum also kommen einem zwei Tage „ohne“ vor wie zwei Wochen?

Dasselbe Zeitgefühl stellt sich vermutlich bei dem ein, der für die Dauer der Fastenzeit das Fernsehen boykottiert oder sich vorgenommen hat, das Auto stehen zu lassen.

Auf einmal scheint es keine Alternativen zum Auto oder zum Fernsehen zu geben. Nie sahen die Torten leckerer aus. Die Versuchung, sein Fastengelöbnis zu brechen, lässt sich kaum noch zähmen. 

Trotzdem lohnt das Durchhalten. Denn sinnliche Genüsse werden nach dem Verzicht noch sinnlicher wahrgenommen; verstärktes Radfahren tut dem eigenen Körper und der Umwelt gleichermaßen gut. Und wer es schafft, für längere Zeit den Fernseher zu ignorieren, verfügt auf einmal über viel freie Zeit, die er gemeinsam mit der Familie und Freunden gestalten kann.             

Klar wird: Wer verzichtet, gewinnt auf jeden Fall. Mehr noch: „Reich ist nicht, wer viel hat, sondern wer auf vieles verzichten kann“, behauptet eine Weisheit. Es gibt also gute Gründe, sich auf das Abenteuer des Verzichtens in einer Welt der Fülle einzulassen.    

Vera Hiller

 

Februar 2007: Thema "Hospiz" und außerdem eine Erinnerung an Elisabeth von Thüringen.

Bericht Hospiz

Der Tod lehrt, wie zu leben ist

Mitarbeiter des Hospizdiensts berichten von ihren Erfahrungen

Ihre Arbeit verlangt, immer wieder Sterbenden in ihren letzten Stunden beizustehen. Das heißt zugleich auch, sich ständig selbst mit dem Tod auseinanderzusetzen. Aus diesem Grund empfinden viele Außenstehende den Hospizdienst als ein bedrückendes und kräftezehrendes Ehrenamt.

Dass dieser Eindruck zu einseitig ist, verdeutlicht die Begegnung mit Pfarrer Wolfgang Heutjer, Carmen Leipp, Maria Rist und Ellenore Steinhilber. Obwohl sich die vier Mitarbeiter des Hospizdiensts Mössingen seit unterschiedlich langer Zeit um Sterbende kümmern, fällt sofort ihre große Gelassenheit im Umgang mit dem meist angstbesetzen, vielfach sogar tabuisierten Thema Tod auf.

Ihr Ehrenamt führt sie immer wieder in unterschiedliche Situationen und erfordert ein sensibles Eingehen sowohl auf den sterbenden Menschen als auch auf dessen Angehörige. Intuitiv zu erspüren, was im Moment nötig und geboten ist, empfinden sie als wichtige Erfahrung, die sie der Hopizdienst in besonderem Maße lehrte.

Äußerlich passiert vielleicht kaum etwas. Von einem „guten Schweigen“ spricht Maria Rist. Pfarrer Heutjer weiß vom gemeinsamen Ein- und Ausatmen zu berichten, mit denen man die Sterbenden „noch einmal kommen und noch einmal gehen lässt“. Gerade in stillen Momenten wie diesen vollzieht sich ein Mysterium, an dem der Sterbebegleiter teilhaben darf: „Da kommt die Ewigkeit in unsere Zeit herein“.

Doch das Wissen um die Tatsache, dass man „nichts halten, nichts beschleunigen kann“, verdichtet sich mitunter auch zur Qual: „Es ist manchmal schwer auszuhalten, wie lange das Sterben dauern kann“, gesteht Carmen Leipp. Und trotz all ihrer Erfahrung berührt es Ellenore Steinhilber immer noch besonders, wenn sie im Rahmen ihres Hospizdiensts Gleichaltrige betreut: „Doch das lässt sich in der Gruppe gut verarbeiten“.

Die Gruppe – das sind alle, die den Sterbeprozess eines Menschen begleitet haben und die sich nach dessen Tod noch einmal treffen, um über das zu sprechen, was sie besonders bewegt hat. Angehörige dürfen – sofern sie möchten – gerne mit dabei sein. Auch Rituale helfen bei der Bewältigung des Erlebten weiter: So brennt beispielsweise bei den regelmäßigen Treffen eine Kerze zum Gedenken an Verstorbene in der Mitte des Tisches.      

Meist jedoch beschenkt der Hospizdienst die Helfenden ganz unmittelbar. Denn sie erleben immer wieder den Wahrheitsgehalt des paradoxen Satz, dass der Tod einen das Leben lehrt. Und so schildern die vier Gesprächsteilnehmer übereinstimmend, wie intensiv sie nach jedem Einsatz die Schönheit der Natur um sich herum wahrnehmen, und wie stark dann ihr Verlangen ist, die Welt mit allen Sinnen auskosten zu wollen. Dieser Sehnsucht ohne schlechtes Gewissen nachzugeben, kommt auch der Qualität des Hospizdiensts zugute, meint Carmen Leipp: „Freude gehört dazu, wenn man jemanden gut gehen lassen will“.  (va)

Portrait

„Sinnvolle Tätigkeit“

Kurzportait Gesprächsteilnehmer Hospizarbeit

Zwei unserer vier Gesprächsteilnehmer gehören seit der Gründung zum Hospizteam: Pfarrer Wolfgang Heutjer und Ellenore Steinhilber (Zweite von rechts). Diese erkannte schon während ihrer Altenpflege-Ausbildung, dass sie in diesem Punkt dazulernen muss, um der Versorgung alter Menschen gerecht werden zu können. Durch einen Zeitungsbericht wurde Maria Rist (rechts) kurz vor ihrem Ruhestand im Jahr 2003 auf den Hospizdienst aufmerksam. „Das wäre eine sinnvolle Tätigkeit“, dachte sie sich, denn in ihrer Ausbildung zur Schwesternhelferin hatte sie erleben müssen, wie im Krankenhaus auf das Sterben eines Menschen nur mit ungeduldigem Warten reagiert wurde. Ihre eigene Hilflosigkeit in der Krankheitszeit ihrer Mutter ist Carmen Leipp noch heute sehr gut in Erinnerung und motivierte sie, dem Hospizteam beizutreten. Ein Kurs bereitete sie und andere Teilnehmer ebenso behutsam wie sorgfältig auf ihre neue ehrenamtliche Aufgabe vor.                 Foto: va

Allgemeine Infos zum Hospizdienst

Diakonie im Mittelalter

800. Geburtstag Elisabeth v. Thüringen

32 Jahre Diakonie-/Sozialstation im Steinlachtal. Über 100 Frauen und Männer erfüllen heute den Auftrag der Diakonie: Menschen zu helfen, die sich selber nicht helfen können. Ist für uns vorstellbar, dass etwas Vergleichbares schon vor 800 Jahren stattfand, im tiefen Mittelalter? Nicht bei uns im Steinlachtal, aber anderswo.

Den Anstoß dazu gab eine Angehörige des Hochadels: Elisabeth von Thüringen, geb.1207, ein Spross des ungarischen Königshauses, wurde vierjährig zur Erziehung auf die Wartburg gegeben und im Alter von 14 Jahren mit dem späteren Landgrafen von Thüringen, Ludwig IV., verheiratet. Einhellig rühmen Zeitgenossen ihre Schönheit, ihre Frömmigkeit, ihre Sittsamkeit. Schon zu Beginn ihrer Ehe entfremdete sie sich dem Leben am Hof, solidarisierte sich vielmehr in einer für ihren Stand provozierenden Weise mit den Kranken und Armen der Stadt Eisenach. Als ihr Gemahl 1227 auf einem Kreuzzug den Tod fand, gab sie sich vollends mit ihrer ganzen Kraft der Pflege der Kranken und Alten in der Stadt hin.

Heiratsanträge, unter anderen von Kaiser Friedrich II., schlug sie aus und gründete, von ihren Verwandten aus der Wartburg vertrieben, mit ihrem Witwenvermögen in Marburg zusammen mit dem Franziskanerorden ein Hospital, an dem sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1231 als einfache Pflegerin in selbst gewählter Armut wirkte. Die 24-jährig Verstorbene wurde bereits 4 Jahre später von Papst Gregor IX. heiliggesprochen. Ein Jahr später wurden ihre Gebeine in der ihr geweihten Kirche in Anwesenheit Friedrichs II. beigesetzt.

Unmittelbar danach setzten die Wallfahrten zu ihrem Grab ein. In zahlreichen Legenden, im Volkslied und im Drama fand das Leben der Heiligen ein Echo, vor allem aber in der bildenden Kunst. Dargestellt wird die „Fürstin im Dienst der Niedrigsten“ im Witwenschleier, mit Brot und einem Krug, den Attributen ihrer Tätigkeit.

Für die Katholiken ist Elisabeth die Patronin Thüringens, Hessens, der Caritasvereinigung, der Witwen, Waisen, Bettler und Kranken.

Ihr Wirken gilt über Deutschland hinaus als Inbegriff christlicher Barmherzigkeit. Im Jahr 2007, achthundert Jahre nach ihrer Geburt, wird ihrer in besonderer Weise gedacht.          OS