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Wohlvertraut sind uns die Worte der Engel auf dem Feld von Bethlehem: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ (Lukas 2,14). Und kein anderes Fest im Jahr ist emotional so aufgeladen wie Weihnachten.

Wohl jeder wünscht sich zum Christfest Friede. Doch wie steht es damit in Wirklichkeit? Oft genug endet das Fest mit Enttäuschung oder gar Streit. Andererseits gibt es in aller Weihnachtshektik auch Momente des Innehaltens, in denen wir etwas vom „Friede auf Erden“ spüren.

Wir haben deshalb in diesem „Blickpunkt“ einige Weihnachtserfahrungen von Menschen mit einem besonderen Blick auf dieses Fest gesammelt – als Anregung, sich jenseits aller vordergründiger Friedlichkeit aufzumachen zum wahren Frieden, der von der Krippe in Bethlehem her in unsere Welt kommt.

Heiligabend im Krankenhaus

Jedes Jahr das Gleiche…

Es ist jedes Jahr das Gleiche. Die Feiertage sollen besonders schön werden. Endlich einmal nach einem arbeitsreichem Jahr die Seele baumeln lassen und sich nur auf sich selber konzentrieren. Möglichst schöne Tage, die Mühen und Lasten des Alltags unter dem hell erleuchteten Christbaum einfach mal vergessen, im Moment leben und einfach einmal durchatmen. Bei vollem Terminkalender, dem üblichen Familienalltag und der Pflege des unselbstständigen, pflegebedürftigen Vaters kommt unterm Jahr die Besinnlichkeit meist zu kurz. Wie gut es tut, dass man diese Zeit nun für sich hat – das hat man sich auch einfach mal verdient ….

 …. es ist jedes Jahr das Gleiche. Die Feiertage sollen besonders schön werden. Nach einem mühsamen Jahr, in dem er auf viel Hilfe und Pflege angewiesen war, freut er sich auf die Familientage, in denen alle etwas mehr Zeit zu haben scheinen. Seine Tochter ist mit ihrem vollen Terminkalender, dem üblichen Familienalltag und seiner Pflege komplett ausgelastet und weiß sich oft nicht mehr zu helfen. Er fühlt sich schlecht, da er ihr so zur Last fällt und sie sein Leben nach ihm und seinen Bedürfnissen ausrichten muss. Dennoch, als er am Abend des 24. Dezembers einsam in seinem Krankenhausbett liegt, kullern ihm voller Unverständnis und Einsamkeit die Tränen über die Wangen. Er weiß ja, dass seine Pflege aufwändig ist, doch hatte er das verdient und dann auch noch über Weihnachten …?

… es ist jedes Jahr das Gleiche. Die Feiertage sollen besonders schön werden. Seine Fahrten als Rettungssanitäter sind zu einem deutlich höheren Prozentsatz als im restlichen Jahr rein sozial als medizinisch indiziert. Doch selten hat er dies so offensichtlich erlebt wie soeben bei seiner letzten Fahrt: Ein alter Mann, schon etwas dement, sicherlich inkontinent und auf fremde Hilfe angewiesen – aber definitiv nicht krank. Seine Tochter hatte den Rettungsdienst bestellt, „Dem Vater ginge es halt nicht so gut“. Der alte Herr wusste nicht wie ihm geschieht. Er wurde in seinem kleinen Rollstuhl in den großen Krankenwagen verladen und der machte sich auf den Weg ins nächste Krankenhaus. Bei der Ausfahrt vom Hof konnte der alte Mann noch das geschmückte Haus und den strahlenden Christbaum sehen. In der Notaufnahme angekommen wusste er als Rettungssanitäter auch nicht so genau, was er dem Dienst habenden Arzt nun erzählen sollte. So richtig gab es keinen Grund für die Einweisung. Der alte Mann hatte kein Fieber, klagte nicht über Schmerzen und wirkte eigentlich sonst auch ganz stabil. Er hatte keine sichtbare Wunde, weder Durchfall noch Erbrechen und wartete ganz ruhig in seinem Rollstuhl auf die Dinge die da kommen mochten – lediglich traurig und enttäuscht wirkte er.  Als er den Arzt dann über den alten Mann – er brachte es einfach nicht fertig ihn als Patient zu bezeichnen – informierte, lächelte dieser nur milde und sagte „Es ist doch jedes Jahr das Gleiche. Die Feiertage sollen besonders schön werden.“

Dr. Matthias Hägele ist Kirchengemeinderat in Bästenhardt und Arzt im Krankenhaus in Sindelfingen

Streifendienst an Weihnachten

Das Fest des Friedens?

Viele Jahre war ich als Polizeibeamter im Streifendienst des Polizeireviers Tübingen tätig. Der Streifendienst ist rund um die Uhr tätig. Die Polizei muss eben immer da sein. Daher gibt es für Polizisten im Schichtdienst kaum freie Wochenenden bzw.  Feiertage und ein Teil der Beamten arbeiten auch an Heiligabend und an den Weihnachtstagen.

Nach Zeichen der Weihnachtsbotschaft „Friede auf Erden“, suchen  sie in diesen Tagen oft vergeblich.

Meist sind diese Dienste nicht nur friedlich. Ich glaube sogar, würde der Engelschor aus Polizeibeamten bestehen, käme der Lobgesang etwas ins Stocken, angesichts der Vorgänge die sie im Weihnachtsdienst erleben.

Friede auf Erden? Da gibt es Jugendliche, für die das Feiern in der Familie an Heiligabend schnell langweilig wird. Nach dem Austausch der Geschenke gehen sie lieber in die Diskotheken und feiern mit ihren Freunden. Das wäre ja weiter nicht schlimm, doch leider kippt bei einigen zu später Stunde die fröhliche Stimmung. Es entstehen Streitigkeiten, es kommt zu Beleidigungen und  Schlägereien – und meist ist viel zu viel Alkohol im Spiel. Häufig muss hier die Polizei eingreifen.

Friede auf Erden? Immer wieder kommt es gerade an Weihnachten zu Familienstreitigkeiten. Familien, die sich sonst oft das ganze Jahr nicht sehen verbringen, an Weihnachten viel Zeit zusammen und das oft auf engstem Raum. Jeder versucht den Anspruch an ein friedliches und perfektes Weihnachtfest zu erfüllen. Das ist anstrengend! Und gelingt dann nicht immer! Auch hier spielt oft der Alkohol eine große Rolle.

Die Streitigkeiten eskalieren manchmal so sehr, dass die Polizei zur Hilfe gerufen werden muss. Wir versuchen dann zu schlichten, zu beruhigen, Opfer zu schützen. Die Polizei als Friedensstifter.

 

Friede auf Erden? Gerade die Weihnachtszeit ist Hochsaison für Taschendiebe! Zum Beispiel an den adventlich geschmückten Ständen der Weihnachtmärkte, werden Besucher im Gedränge oft um ihre Wertsachen erleichtert. Die polizeilichen Ermittlungen in solchen Fällen bleiben leider häufig erfolglos. Friede auf Erden?

Aber wollen die Leser des Gemeindebriefes diese Dinge überhaupt hören? Oder störe ich mit meinen Erzählungen den „Weihnachtsfrieden“?

Doch es gibt ja auch noch die anderen Erlebnisse von Polizisten an Weihnachten. Jene Einsätze, nach denen es einem so richtig gut geht, die einem lange in Erinnerung bleiben, wo man sich freut, dass man helfen konnte und etwas zum Frieden auf Erden beisteuern durfte.

Wie zum Beispiel die ortsfremde Familie, die die Adresse ihrer Verwandten nicht findet und für unsere Hilfe sehr dankbar ist. Wie die freundlichen Worte und Gesten von vielen Bürgern die wir an den Weihnachtsdiensten auf den Straßen treffen. Wie die schwangere Frau und ihren Mann, die mit Blaulicht in die Klinik geleitet werden weil die Wehen eingesetzt haben. Also doch: Friede auf Erden!

Immer wieder halte ich mir  vor Augen, dass die negativen Ereignisse zu denen wir Polizisten gerufen werden, die Ausnahme sind. Denn von den vielen schönen und friedlichen Festen bekommen wir in unserem Dienst meist nichts mit.

Und dann: endlich Dienstschluss! Die Kollegen gehen nicht sofort nach Hause, sondern setzen sich in Ruhe noch etwas zusammen. Man tauscht sich über die vergangene Schicht aus, gibt sich Rat-schläge, erzählt von der Familie oder Freunden und was noch geplant bis zum nächsten Dienst. Der gegenseitige Gedankenaustausch tut gut nach solchen Diensten -  Friede auf Erden.

Dann geht jeder nach Hause zu seiner Familie um ein paar Stunden Weihnachten im Kreise seiner Lieben zu genießen.

Friede auf Erden!

Joachim Kolb ist Polizeihauptkommissar bei der Landespolizeidirektion in Tübingen und wohnt in Mössingen

 

Der Hospizdienst hilft Sterbenden auf ihrem letzten Weg.

Am Ende: Friede

 „Wer steht mir, wer steht meinem Angehörigen bei?“ Diese Frage bewegt viele Menschen, die sich auf den letzten Weg machen, oder Angehörige, die durch eine lange Begleitung in der Krankheit am Ende ihrer Kräfte sind.

Der Hospizdienst hat sich zur Aufgabe gemacht diese Menschen zu beleiten, ja vielleicht auch zu unterstützen, dass es „Friede auf Erden“ gibt.

Ich möchte an einem Beispiel aufzeigen, was ich und alle Hospizdienstmitarbeiter/innen darunter verstehen.

Herr Xander (Name geändert) ruft bei der Diakonie-Sozialstation an und möchte eine Beratung. Er will wissen, wie der Hospizdienst ihn auf seinem letzten Weg beleiten kann. Er lebt alleine und hat schon lange keinen Kontakt mehr zu seinen zwei Kindern. Die Tochter wohnt im Steinlachtal, der Sohn in Dresden.

Ich mache einen Besuch bei Herrn Xander zu Hause. Wir sprechen über die pflegerische Versorgung, über einen evtl. Umzug in die Hospizwohnung, über die Begleitung der Hospizmitarbeiter/innen und über die Wünsche nach dem Eintritt des Todes. Er gibt mir zu verstehen, dass es ihm jetzt etwas leichter ist, nachdem er die Möglichkeiten der Hilfsangebote gehört hat.

Zwei Tage später ruft er an und wünscht einen Umzug in die Hospizwohnung. Er habe jetzt alles soweit geregelt, sich mit seinem Hausarzt besprochen und nun möchte er sich die letzte Zeit noch behütet fühlen.

Über einen Zufall (wobei ich nicht an Zufälle glaube) hat seine Tochter erfahren, dass die Tage ihres Vaters gezählt sind. Sie setzt sich mit mir in Verbindung. Es ist ihr wichtig noch einen Kontakt zu ihrem Vater zu bekommen.

Ich bespreche es mit Herrn Xander und er kann es zulassen.

Die Tochter besucht ihren Vater in der Wohnung. Sie können nach mehreren Besuchen miteinander reden.

Auch dem Besuch seines Sohnes stimmt der Vater nun zu.

Herr Xander will in der Wohnung alleine bleiben, die Notrufklingel gibt ihm Sicherheit, dass, wenn er Hilfe braucht jemand schnell zu erreichen ist.

Seine Ansprechpartner sind der Hausarzt, ein Vertrauter einer Bank und ich. Doch auch seine Tochter wird wieder immer mehr zur Vertrauensperson.

Sie fährt übers Wochenende mit ihrem Partner in die Berge und hinterlässt ihre Telefonnummer, dass ich sie, wenn es notwendig ist, erreichen kann.

Es ist Sonntag ca. 10.30 Uhr. Herr Xander hat den Notruf ausgelöst und ein Pflegekollege besucht Herrn Xander. Es geht im sichtbar schlechter.

Ich werde informiert und halte bei ihm Wache. Gleichzeitig habe ich die Tochter angerufen und ihr die Situation geschildert. Sie ist gerade beim Abstieg eines Berges und will schnellstmöglich kommen.

Herrn Xanders Atmung wird immer schwächer. Er ist sichtlich schon auf dem Weg auf die andere Seite. Ich habe ihm erzählt, dass seine Tochter noch einige Zeit braucht, sie aber schnellstmöglich kommt.

Um 15.30 Uhr betritt die Tochter die Hospizwohnung und um 16.00 Uhr geht Herr Xander in den Armen seiner Tochter hinüber in die andere Welt.

Später erfahre ich dass die Tochter an diesem Tag Geburtstag hatte.

Ellenore Steinhilber,

Leitung Hospizdienst Mössingen

 

Friede auf Erden 2010

Aktuelle Botschaft

Wie denken Sie im Jahr 2010 über diese Zusage aus der Weihnachtsgeschichte - eine Frage an drei Mössinger:

„Als einen immerwährenden Wunsch des Menschen verstehe ich das. Es muss damals eine Zeit gewesen sein, ähnlich friedensbedürftig wie die heutige. Erfüllt worden ist er nicht. Wie auch? Es ist eher schlimmer geworden. Bei uns Menschen, denen von Natur aus auch das Böse eigen ist, geht das nicht anders.“

„Die Botschaft ist aktuell geblieben. Für uns heißt das: Arbeiten für den Frieden ist unsere ständige Aufgabe – arbeiten auf Hoffnung. Die Erfüllung liegt außerhalb unserer Verfügung.“

„Friede und Friedfertigkeit des Menschen sind nicht eingetreten. Die Menschen sind weder friedlicher noch zufriedener geworden. Es muss aber unser Wunsch bleiben und wir dürfen nicht aufhören, um seine Erfüllung zu beten und im Bereich unserer begrenzten Möglichkeiten dafür zu wirken. Dass der Friede letztlich kommt, das ist für mich gewiss.“

Otto Schmelzle

Lese- und Filmempfehlungen

Weihnachtsgeschichten? Weihnachtsgeschichten!

Die Legende vom vierten König

Ein vierter König geht, wie die bekannten drei anderen, dem Stern nach, um seinen Erlöser zu finden. Er verliert den Stern aber aus den Augen, weil er, ein ganzes Leben lang, unter Einsatz von Vermögen, Gesundheit und Freiheit, damit beschäftigt ist, notleidenden Menschen zu helfen. Am Ende seines Lebens findet er den Stern wieder und auch seinen Erlöser, aber nicht das Kind im Stall, sondern den gekreuzigten Jesus auf  Golgatha.

Das Paket des lieben Gottes

(Bertolt Brecht)

Chicago 1908. Ein Häuflein frustrierter Arbeitsloser feiert in einer Kneipe eine Art Anti-Weihnachten. Man bemüht sich, einzelne LeuteLeute mit einem eigens für sie ausgesuchten  Geschenk zu ärgern, zu demoralisieren. Im letzten dieser Fälle wird aber diese  Absicht ins Gegenteil verkehrt: Der Angegriffene macht an seinem Geschenk eine Entdeckung, die ihn von einer Lebenslast befreit .Und “Es wurde ein ausgezeichnetes Weihnachten, das bis zum Morgen dauerte.“        

Die drei dunklen Könige

(Wolfgang Borchert)

Die Weihnachtsgeschichte, verlegt in die Schuttwüste einer zerbombten Großstadt am Ende des zweiten Weltkriegs. Eine finstere, aber Spuren von Hoffnung aufzeigende Geschichte eines Autors, der 1947 gestorben ist, 26jährig.

Jetzt – an Weihnachten!

(Arno Wienhold)

Ein akut behandlungsbedürftiger alter Mann, ein Pflegefall, wird, mit einer Ausnahme, von Privatpersonen und öffentlichen Einrichtungen zurückgewiesen mit der Begründung: Heute, an Weihnachten, doch nicht!

Wohin mit meiner Wut?

(Kurt Marti)

Eine Betrachtung des Schweizer Theologen Kurt Marti über die Unvereinbarkeit des Holocaust mit der Geschichte des neugeborenen Kindes von Bethlehem.

Unseren Zeitgenossen Marti packt, wie den erwachsenen Jesus damals, die Wut über die  Verhältnisse seiner Zeit. Seine Botschaft: Wut ja – aber „ gebändigt von der liebevollen Vernunft des erwachsenen Jesus.“

Die beiden letzten Sammlungen sind nicht mehr auf dem aktuellen Buchmarkt. Interessenten können gern über 07473/24373 eine Kopie eines der Texte  erhalten.

Otto Schmelzle

Merry Christmas (DVD)

Ein Film von Christian Carion mit Diane Krüger, Benno Fürmann, Guillaume Canet und Daniel Brühl.

Eine ergreifende Episode aus dem Ersten Weltkrieg mit wahrem Hintergrund: Am Weihnachtsabend 1914  handeln französische, britische und deutsche Truppen einen Waffenstillstand aus, um gemeinsam Weihnachten zu feiern. Tipp: Bei der mehrsprachigen Originalfassung seine Fremdsprachenkenntnisse verbessern.

Das Mädchen mit den Schwefelhölzern

(Hans-Christian Andersen)

Eine bittersüße Geschichte des dänischen Märchenerzählers.

"Der Herrgott weiß, was mit uns geschieht"(TV)

In irgendeinem dritten Programm wird sie sicherlich laufen, die Dokumentation über die Schwestern von der Alb-Mühle zwischen Hörschwag und Stetten. Wenn ja: unbedingt anschauen, es lohnt sich.

Vera Hiller

Oktober: Schwerpunkt Lernen, Bildung und Erziehung im Oktober

Wissen macht Sinn

„Wissen ist Macht.“, heißt es nicht ganz zu Unrecht. Denn wer Dinge versteht, wer um Zusammenhänge weiß kann besser damit umgehen und sie je nachdem auch verändern.

Bildung ist deshalb ein wesentlicher Bereich nicht nur des Lebens überhaupt sondern auch unseres evangelischen Christseins. Um mündige Christen sein zu können brauchen wir Bildung. Wissen, Verstehen, Lernen ist deshalb seit der Reformation ein Kernbestandteil unseres Glaubenslebens.

Unsere Kirchengemeinde hat schon immer einen Schwerpunkt im Bereich Lernen, Bildung und Erziehung. Kreise und Gruppen bieten monatlich oder auch wöchentlich Raum und Programme an, um Horizonte zu erweitern und Neues zu entdecken. Wissen ist eben nicht nur Macht, sondern (Glaubens-)Wissen macht auch Sinn, stiftet Sinn und gibt Halt im Leben.

In diesem Herbst ist die Fülle und Bandbreite bemerkenswert: Eine ökumenische Bibelwoche, Abende zur Erziehungshilfe im Kleinkindalter und auch in der Pubertät, Angebote zur Lebenshilfe, künstlerische oder auch historische Themen – all das und noch mehr finden Sie im Oktober im Veranstaltungsangebot unserer Kirchengemeinde.

Anlass genug, die Rubrik „Veranstaltungen“ in diesem Monat einmal besonders in den Mittelpunkt zu stellen und Ihrer Aufmerksamkeit zu empfehlen. Es gibt viel Neues zu entdecken. Viel Spaß dabei.

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August/September 2010: Bie Bibel - das "Buch der Bücher"?

Das „Buch der Bücher“? Oder: Welchen Stellenwert hat die Bibel eigentlich bei uns?

Sie gilt als „das Buch der Bücher“ schlechthin. Nicht nur weil die Bibel eigentlich eine Büchersammlung von insgesamt 66 Einzelbüchern ist sondern vor allem auch weil kein Buch so prägend für unsere Kultur, unser Denken und unser Reden war und ist wie die Bibel.

Martin Luther hat mit seiner Bibelübersetzung überhaupt erst die Grundlage für ein einheitliches Deutsch geschaffen. Biblische Redewendungen, uns oft kaum bewusst, durchziehen unsere Sprache. Das biblische Welt-, Menschen- und Gottesbild prägt unser Land und unseren gesamten Kulturraum. Scheinbar völlig unbiblische Begriffe wie „Menschenrechte“, „Individualität“, „Solidarität“ haben wesentliche Wurzeln in „Buch der Bücher“. Und auch unsere sich oft so unkirchlich gebende Gesellschaft ist viel christlicher als sie manchmal wahr haben will.

Die Texte der Bibel - seien es zum Beispiel Briefe des Paulus, der 23. Psalm oder Geschichten wie vom „barmherzigen Samariter“ oder dem „verlorenen Sohn“ – bringen uns das Bild Gottes als menschenfreundlichem, liebendem, leidenschaftlichem Gott nahe. Ja die ganze Bibel ist ein Liebesbrief Gottes, eine Wegweisung, ein Hoffnungs- und Trostbuch. Und Jesus Christus ist das Wort Gottes selbst (Johannes 1,1ff), der Gott in Person zu uns bringt. Es existieren Gesamtübersetzungen der Bibel in 451 Sprachen und Teilübersetzungen in weiteren 2479 Sprachen. Jahr für Jahr werden Hunderttausende Exemplare gedruckt und verbreitet. Ein Superlativ jagt den anderen also – doch welche Bedeutung hat dieses Buch  denn konkret für heutige Menschen? Wer liest denn wirklich in ihr? Und wer nimmt ihre Worte ernst als Gottes Wort für sich persönlich?

Hier gibt es eine seltsame Spannung, denn das Buch der Bucher ist allzu oft ein großer Staubfänger im Wohnzimmerregal. Ist es zu kompliziert oder zu anstrengend zu lesen oder denken zu viele Leute, sie wüssten sowieso schon alles Wesentliche, was in ihr steht? Wir wollten aus Anlass der Kinderbibelausstellung im September ein wenig genauer nachschauen und haben deshalb im Redaktionsteam ein paar Blitzlichter zum Stellenwert der Bibel gesammelt. Als Anregung für alle Gemeindebriefleser, Ihre eigene Bibel zur Hand zu nehmen und mal wieder rein zu schauen. Wer weiß was Ihnen begegnet, wenn Sie sie lesen? Immerhin ist es Gottes Wort und er hat uns allen viel zu sagen. Wir wünschen viele gute Entdeckungen beim Bibellesen.   

Uwe Braun-Dietz

Ist die Bibel noch aktuell?

Viele Leute denken: „Die Bibel ist ein uraltes Buch. Was geht sie uns heute noch an?“. Es stimmt, die Text der Bibel sind 2000 bis 3000 Jahre alt! Und die Wurzeln dieser Geschichten, Lieder und Gebete reichen sogar noch viel weiter in die Vergangenheit zurück.

Und doch ist die Bibel keineswegs veraltet. Bis heute ist sie ein „Bestseller“ auf dem Buchmarkt. Sie wurde in mehr Sprachen übersetzt als irgendein anderes Werk der Weltliteratur. Und nach wie vor fasziniert sie Menschen – überall auf der Welt. Denn die entscheidenden Fragen, die uns bewegen, sind über die Jahrtausende hin dieselben geblieben.

Menschen der Bibel erleben Freude und Leid, Hoffnung und Enttäuschungen, großes Vertrauen und quälende Zweifel. Sie fragen nach der Herkunft von Unrecht, Leid und Tod und nach den eigenen Grenzen, suchen nach dem Ziel ihres Lebens und stehen staunend vor den Schönheiten und Wundern unserer Welt, hinter denen sie die Macht des Schöpfers am Werk sehen, der dies alles ins Leben gerufen hat und erhält.

Die Geschichte Gottes mit diesen Menschen – das ist das Thema der Bibel. Und was Gott für sie damals war, das will und kann er auch für uns heute sein, wenn wir uns auf ihn einlassen: ein fester Halt und die Mitte unseres Lebens. Die Bibel kann uns helfen, Gottes Spuren in unserem eigenen Leben zu entdecken. Sie kann für uns zu einem Lebensbuch werden, zum Buch der Bücher, in dem wir – wie die Menschen von damals – Gott begegnen.

 Quelle: www.die-bibel.del

 

Biblische Redewendungen

„Die Haare stehen einem zu Berge!“ Diesen Satz hat wohl jeder schon einmal gesagt und oft gehört. Wer hat nicht schon ab und zu von „dem Stein des Anstoßes“ gesprochen und kennt jemanden der „etwas ausposaunt“ hat, das er lieber hätte für sich behalten sollen, weil danach „der Teufel los war“, aber manchen ist dadurch „ein Licht aufgegangen, anderen „fiel es wie Schuppen von den Augen“, denn „böse Beispiele verderben gute Sitten“.

Vielleicht ist Ihnen beim Lesen auch „ein Licht aufgegangen?“ Alles, was in Anführungszeichen geschrieben ist, sind keine Redensarten, es sind Bibelsprüche, welche in unserem Sprachgebrauch heimisch wurden. Wer die Bibel  „auf Herz und Nieren prüfen“ möchte, findet eine Unmenge solcher Zitate. Hier noch eine kleine Auswahl:

Eine Sache drehen, wie man will.

Sich an die Brust schlagen.

Mark und Bein durchdringen.

Zunehmen an Alter und Weisheit.

Ein Herz und eine Seele sein.

Gewogen und zu leicht empfunden.

Geiz ist eine Wurzel allen Übels.

Schlaf des Gerechten.

Was da kreucht und fleucht usw.

Sind Sie neugierig geworden, dann stöbern Sie doch weitere Bibelsprüche auf, das ist nämlich sehr spannend, denn auch so was kann man entdecken: Es ist mancher scharfsinnig und doch ein Schalk, oder ein verwöhntes Kind wird mutwillig wie ein wildes Pferd, und auch dies:

Welcher verheiratet der tut wohl; welcher aber nicht verheiratet, der tut besser. Ich wünsche Ihnen, dass Sie „Ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen!“

   Rosemarie Kühnberger

Und wenn Sie jetzt wissen möchten wo in der Bibel die ganzen Redewendungen stehen hier die Bibelstellen in der Reihenfolge der Zitate: Hiob 4,15; Jesaja 8,14; Matthäus 6,2; Offenbarung 20,2-3; u.a. Jesaja 9,1; Apostelgeschichte 9,18; Weisheit 4,12; noch mal. Jesaja 9,1; Ps 7,10; Micha 7,3; Lukas 18,13; Hebräer 4,12; Lukas 2,52; Apostelgeschichte 4,32; Daniel 5,27; 1.Timotheus 6,10; 3.Mose 26,6; 1.Mose 1,26; Jes.Sirach 19,22; Jes Sirach 30,8; 1.Korinther 7,28; Matthäus 5,15

Die Weihnachtsgeschichte aus der Kinderbibel

Eine kleine Umfrage unter Journalisten zum Buch der Bücher

Wie gehen Menschen, die tagtäglich mit Gedrucktem zu tun haben, mit der Bibel um? Spielt sie ein Rolle in ihrem Leben? Eine kleine, beileibe nicht repräsentative Umfrage unter Journalisten-Kollegen soll Aufschluss geben.

Zunächst fällt auf, dass bei fast allen Interviewten anscheinend ein heikler Punkt berührt wird. Da, wo sonst völlig offen über alles Mögliche heiß diskutiert wird – und die Nachrichtenagenturen kennen wirklich keine Tabus bei ihrer Themenauswahl – macht sich eine peinliche Stille breit. Niemand sagt etwas. Erst die Zusicherung, dass jeder getrennt voneinander befragt werden soll, und im Artikel keine Namen auftauchen, lässt die acht Gespräche, die Grundlage dieser Umfrage sind, zustande kommen. Dass unter diesen Umständen die Gretchenfrage nicht gestellt werden darf, es vielmehr dem Interviewten überlassen sein muss, sein Verhältnis zur Religion zu thematisieren oder auch nicht, das lehrt die Journalisten-Erfahrung.

Immerhin: Trotz aller Einschränkungen ergab sich ein außerordentlich vielfältiges und interessantes Bild. Die Umfrage zeigte zum einen, dass das Aufwachsen mit Kinderkirche und christlicher Jugendarbeit nicht unbedingt heißt, dass Kirche, Religion und/oder Bibel im weiteren Leben eine Rolle spielen werden. Und hatten diese drei nie eine Rolle in Kindheit und Jugend gespielt, dann tun sie das auch bis heute nicht.       

Für viele Befragten sind die Geschichten aus der Bibel noch aus ihrer Kindheit präsent. Sie werden – insbesondere das alte Testament betreffend – als sehr spannend empfunden: „Die Bibel ist ein Bestseller mit Sex und Crime“. Und noch ein Pluspunkt fürs AT: „Die Namen sind so schön“, meint ein Interview-Partner, dem bigotte Mitbürger zwar die Religion verleideten, der aber seine Kinder nach biblischen Gestalten benannte. 

Bei aller heutigen Distanz zur Religion: „Meine Konfirmandenbibel habe ich gehegt und gepflegt“, sagt ein anderer Gesprächspartner. Sie wurde fein säuberlich eingebunden, und „ich würde sie nie für eine Luxusbibel opfern, schon allein aus Gründen der Pietät“.

In einem anderen Fall jedoch fiel die Konfirmandenbibel einer Säuberungsaktion zum Opfer, wurde ihres schmuddeligen Aussehens wegen weggeschmissen („Aber mit ganz schlechtem Gewissen!“) und – immerhin – durch ein ordentlich aussehendes Exemplar ersetzt. Ordentlich blieb die neue Bibel all die Jahre auch deshalb, weil es keinen Grund gab, sie in die Hand zu nehmen: „Wenn es mir schlecht ginge, dann würde ich wohl reinschauen“.

Anrührend ist ein anderes Statement. Ob überhaupt eine richtige Bibel im Haus sei, ließ sich selbst bei intensivem Nachdenken nicht herausfinden. Doch mit einer alten Kinderbibel wird alle Jahre wieder ein lieb gewordenes Ritual gepflegt: An Weihnachten liest die ganze Familie immer gemeinsam die Weihnachtsgeschichte. Und in einem anderen Haushalt ist sogar eine Bibel-Synopse vorhanden, um die unterschiedlichen Bibelstellen vergleichend lesen zu können

Überhaupt gab es viel Lob für die Bibel als Buch an sich: Sie sei ein Kulturgut von großer kulturhistorischer Bedeutung, prägend für die abendländische Kultur und Menschheit, ein unentbehrlicher Wertekanon. Und das heißt doch: Mag die Bibel im täglichen Leben der befragten Journalisten auch nur eine untergeordnete Rolle spielen – ihrer überragenden Bedeutung sind sich alle bewusst.      

Vera Hiller

Bertolt Brecht und die Bibel

Der Stückeschreiber und Lyriker Bertolt Brecht ist weder bekannt als Freund christlicher Kirchen, noch hat er versucht, der biblischen Botschaft zum Sieg zu verhelfen. Seine Ziele waren an der Verbesserung der gesellschaftlichen und menschlichen Verhältnisse im Diesseits orientiert.

Gleichwohl scheint er im Blick auf sein Lebensende im Gedicht „An die Nachgeborenen“ zuzugeben, dass für ihn etwas unerledigt geblieben sein wird:

…Ach, wir

Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit

Konnten selber nicht freundlich sein.

Ihr aber, wenn es soweit sein wird

Dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist

Gedenkt unser

Mit Nachsicht.

Und gleichwohl hat er auf die Frage, welches sein Lieblingsbuch sei, zur Antwort gegeben:

„Sie werden lachen, die Bibel.“

Zwei kleine Beispiele können zeigen, wie Brecht sich von der Sprache, vom Bilder- und Sentenzenreichtum  insbesondere in der Fassung der Lutherbibel beeindrucken ließ:

In der Dreigroschenoper (1928) wird der Bandit Macheath, genannt Mackie Messer, nicht, wie erhofft, von seinem besten Freund Tiger Brown, dem Polizeichef von London, vor dem Zugriff durch den Arm des Gesetzes geschützt, sondern gefangen gesetzt. Mac rächt sich auf subtile Weise:

Dieser elende Brown. Das leibhaftige schlechte Gewissen. Und so was will oberster Polizeichef sein. Es war gut, dass ich ihn nicht angeschrien habe. Zuerst dachte ich an so was. Aber dann überlegte ich gerade noch rechtzeitig, dass ein tiefer, strafender Blick ihm ganz anders den Rücken hinunterlaufen würde. Das hat gesessen. Ich blickte ihn an, und er weinte bitterlich. Den Trick habe ich aus der Bibel.....

Im Stück „Leben des Galilei“ (1938/39) vertritt Galileo Galilei, Physiker und Astronom, im Jahr 1616 in Gegenwart zweier römischer Kardinäle das neue kopernikanische Weltbild gegenüber dem herkömmlichen aristotelischen und von der Kirche vertretenen, das noch die Erde im Mittelpunkt der Welt sieht. Dabei kommt es zu einem Bibelzitatenduell, an dessen Ende die wenig verhüllte Drohung mit der Heiligen Inquisition steht.

BELLARMIN: …Uns missfallen…Lehren, welche die Schrift falsch machen.

GALILEI: Die Schrift.- „Wer aber das Korn zurückhält, dem wird das Volk fluchen.“ Sprüche Salomonis.

BARBERINI:“ Der Weise verbirget sein Wissen.“ Sprüche Salomonis.

GALILEI:“ Wo da Ochsen sind, da ist der Stall unrein. Aber viel Gewinn ist durch die Stärke der Ochsen.“

BARBERINI:“ Der seine Vernunft im Zaum hält, ist besser als der eine Stadt nimmt.“

GALILEI:“ Des Geist aber gebrochen ist, dem verdorren die Gebeine.“ Pause

„Schreitet die Wahrheit nicht laut?“

BARBERINI: „Kann man den Fuß setzen auf glühende Kohle, und der Fuß verbrennt nicht?“

Willkommen in Rom, Freund Galilei….

Otto Schmelzle

Das gedruckte Wort

Zuerst gab es nur mündliche Überlieferungen der Geschichten der Bibel. Dann wurden Papyrusrollen mit rußhaltigem Olivenöl beschriftet. Und ab dem frühen Mittelalter haben Mönche in den Klöstern die Bibel von Hand mit Federkiel und Tinte auf Pergament abgeschrieben. Die Herstellung eines Exemplars mit reichhaltiger Verzierung dauerte oft jahrelang.

Um 1452 hat dann der Mainzer Goldschmied Johannes Gensfleisch genannt Gutenberg den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfunden. Nun war es möglich, von einer aus einzelnen Bleibuchstaben zusammengesetzten Seite, dem sogenannten Bleisatz, beliebig viele Abzüge zu machen. Gutenberg bekanntestes Werk ist die „42-zeilige Bibel“, d. h. auf jeder Druckseite sind zwei Spalten zu je 42 Zeilen. In einer Auflage von 180 Exemplaren hat er sie von Hand gedruckt, nur noch wenige Stücke sind heute erhalten. Die zuletzt bei einer Auktion versteigerte Ausgabe erzielte einen Erlös von 500 Millionen Euro.

Nicht ganz so wertvoll sind die Bände in unserer Mössinger Pfarrbibliothek, die aus dem 16. Jahrhundert stammen und teilweise in echtem Schweinsleder gebunden sind. Aber auch sie zeugen von dem damaligen überaus künstlerischen Schaffen der Jünger Gutenbergs in dieser Zeit.

Die Verbreitung des Buchdrucks setzte sich rasant fort. Nur so war es möglich, dass die ersten Lutherbibeln im ganzen deutschen Sprachraum Beachtung finden konnten. Die Buchherstellung wurde immer mehr durch Maschinen unterstützt, Ottmar Mergenthaler erfand die Setzmaschine; die erste Druckmaschine, eine sogenannte Schnellpresse, entstammt den Werkstätten von König & Bauer in Würzburg. Zwar wurden die Maschinen immer weiter verbessert, aber bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts wurden Bücher, aufbauend auf der Erfindung Gutenbergs, so gedruckt. Linotype und Heidelberg sind heute noch führende Firmen in der Druckindustrie.

Mit der Einführung des Offsetdrucks und dem Lichtsatz kam eine völlig neue Herstellungsart zum Einsatz, die alles noch schneller und komfortabler machte. Das enorm schwere Blei wurde durch Filme und Aluminiumdruckplatten ersetzt.

Heutzutage sind wir in der Druckindustrie noch einige Schritte weiter. Der Satz wird digital am Computer erstellt, die Korrektur wird automatisch gelesen, den Umbruch macht das Programm, das Prüfen und Ausschießen erfolgt im „workflow“, die Druckplatten werden mit Laserstrahl belichtet und die Druckmaschinen richten sich rechnergesteuert selbst ein. Das alte, ehrbare Berufsbild des Schriftsetzers und Buchdruckers hat ausgedient, es heißt jetzt Mediengestalter, Druckformhersteller und Drucker. Doch das Motto all‘ dieser Schwarzkünstler ist über Jahrhunderte gleich geblieben: „Gott grüß‘ die Kunst!“.

Hans-Rainer Fritz

 

 

Juni 2010: Taufe - Gottes "Ja" spüren

Die Taufe: Gottes „Ja“ spüren

Die Taufe ist eines der beiden Sakramente unserer Evangelischen Kirche. Anders als das Abendmahl, das immer wieder im Gottesdienst gefeiert wird, ist die Taufe ein einmaliges Geschehen, ein für alle Mal gültig.

Was dieses Sakrament bedeutet, wie die Taufe gefeiert werden kann und wie unsere Gemeinde für ihren „Zuwachs“ Verantwortung übernehmen will wollen wir in diesem Blickpunkt darstellen.

Was bedeutet die Taufe?

In der Taufe wird einem Menschen Gottes Liebe und seine Nähe sicht- und spürbar zugesagt. Ihren Grund hat die Taufe dabei im so genannten „Taufbefehl“ Jesu aus Matthäus 28,18-20: "Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende."

Durch die Taufe wird der Täufling deshalb in die Gemeinschaft der Kirche aufgenommen. Das Wasser steht dabei für das neue Leben, das wir in Gottes Augen haben. Wie rein gewaschen, wie neue Menschen, so sind wir durch die Taufe bei Gott – wenn wir das glauben. Denn nur im Glauben wirkt Gottes Zusage in uns. Die Taufe ruft deshalb nach dem Glauben des Getauften, danach, dass er Gott vertraut und sich in seinen Händen weiß.

Gott zeigt uns in der Taufe damit sein großes „Ja“ zu uns – und unser Glaube ist die menschliche Antwort auf Gottes Gnade.

Deshalb steht die Taufe auch symbolisch für das ganze Leben als Christ, denn jeden Tag sind wir neu gefragt, dieses „Ja“ Gottes anzunehmen und in unserem Leben durchzubuchstabieren. So sagte auch unser Reformator Martin Luther, das Christenleben sei ein „beständiges Zurückkriechen in die Taufe.“

Bibelstellen zum Thema: Matthäus 28,18-20; Römer 6,1-11; Markus 16,16.

Uwe Braun-Dietz

 

 

 

über Für und Wider der Kindertaufe

„Lasset die Kinder zu mir kommen“ 

Die Kindertaufe wird in unserer Kirche von Alters her praktiziert. Früher wurde sie unmittelbar nach der Geburt vollzogen. Heutzutage lassen die Meisten ihr Kind innerhalb des ersten Lebensjahres taufen. Eine Selbstverständlichkeit also?

Ja und nein, denn vor allem in unserer Evangelischen Kirche ist die Taufe nicht unumstritten. Weil die Taufe nach dem eigenen Glauben ruft, möchten manche Christen die Taufe ihrer Kinder soweit aufschieben, bis diese selbst „ja“ zu ihrer Taufe sagen können. Dieser Gedanke ist durchaus legitim und immer wieder taufen wir ja auch Konfirmanden an ihrer Konfirmation. Die Erwachsenentaufe steht damit als eine weitere Möglichkeit neben der Kindertaufe.

Doch auch die Taufe von Kindern ist genauso legitim und theologisch vertretbar. Denn zum Ersten taufen wir ja auf den Glauben hin und nicht auf das Bekenntnis zum Glauben. Sonst dürften wir schwer geistig Behinderte nicht taufen, weil sie ihren Glauben niemals bekennen könnten. Und wenn wir zweitens „Glaube“ als „Vertrauen in Gott“ verstehen, dann haben Kinder davon eine ganze Menge. Denn sie können gar nicht anders als aus völligem Vertrauen heraus zu leben, dass da jemand ist, der sie füttert, wickelt und sie hört, wenn sie schreien. Die Offenheit und Angewiesenheit von uns Menschen auf den, der sich um uns sorgt, ist bei Säuglingen damit offenkundig.

Schließlich ist unser menschlicher Glaube ja auch eine brüchige Angelegenheit. Weiß ich, ob mein Glaube von heute auch noch morgen trägt, falls Dinge geschehen, die mich bedrücken? Gilt die Taufe dann etwa nicht mehr? Dann wäre Gottes „Ja“ von mir abhängig – und das kann nicht sein. Gottes Gnade ist vielmehr immer größer und weiter als all unser menschliches Empfinden.

Deshalb ist die Taufe nach unserem Verständnis ja auch primär kein Bekenntnisakt sondern ein Sakrament, ein „Wortzeichen“ Gottes, von ihm eingesetzt, in ihm und seiner Gnade gegründet.

In diese Gnade bergen wir uns in der Taufe – und dieser Gnade dürfen wir auch schon Säuglinge anbefehlen in der Hoffnung, dass sie ihren eigenen Glauben finden, in der Konfirmation diesen bekennen und ihn ein Leben lang bewahren. Deshalb lesen wir bei Kindertaufen den Abschnitt aus dem Markusevangelium, in dem Jesus sagt: „Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes.“ (Mk 10,14.)

Uwe Braun-Dietz

 

Von der Aufgabe der Eltern, Paten und der Gemeinde

Wenn Eltern heute ihre Kinder als Säuglinge taufen lassen, steht - neben der Tradition – wohl vor allem auch der Gedanke dahinter, der schon die frühen Christen bewegte: Die Kinder sollen in die Gemeinschaft mit Christus hinein genommen werden, in der auch ihre Eltern leben. Die Eltern wollen ihre Kinder Gott anvertrauen. Die Taufformel "ich taufe dich auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes" macht deutlich, dass es vor allem darum geht. Der Säugling wird eben nicht auf seinen eigenen Namen getauft, als ob Taufe Namensgebung wäre.

 Das Kind wird vielmehr auf den Namen Gottes, gewissermaßen in die Familie Gottes hinein getauft. Die Taufe zeigt, dass mein Kind ein Kind Gottes ist und dass es diesem Vater im Himmel vertrauen kann. Weil sie das für ihr Kind so wollen, lassen immer noch die meisten Eltern ihre Kinder taufen.

Wichtig ist dann allerdings, was auf die Taufe folgt. Eltern, Paten und die Gemeinde müssen dem Kind vorleben, was das heißt, dem Vater im Himmel zu vertrauen. Wenn das Kind nicht durch ihr Beispiel zu eigenem Glauben und Vertrauen kommt, bleibt die Taufe schließlich leer und für die Getauften bedeutungslos. Ohne das Beispiel ihrer Eltern und anderer Menschen werden Kinder kaum begreifen können, was es heißt, zu glauben. Es ist die Frage, ob sie sich dann als etwas ältere Kinder oder als Jugendliche entscheiden können, ob sie getauft werden wollen. Wie sollen sie erleben, spüren, was Christsein ist, wenn sie es nicht von denen erfahren, denen sie vertrauen?

Natürlich müssen Eltern ihren Kindern die Freiheit lassen, sich später anders zu entscheiden, als sie es mit der Taufe für richtig gehalten haben. Aber zunächst sollten die Kinder erfahren: Meinen Eltern ist die Nähe Gottes wichtig, auch für mich. Meine Eltern fühlen sich aufgehoben und geborgen, weil Gott zu ihnen hält. Und ich kann das auch.

Rundfunkpfarrerin Lucie Panzer

Quelle: www.elk-wue.de

 

Schritte auf dem Weg zur Taufe

Sie wollen sich selbst oder Ihr Kind taufen lassen? Dann sollten Sie zuerst auf dem Pfarramt, das für Sie zuständig ist, anrufen. Dort erfahren Sie, an welchen Terminen in nächster Zeit Taufen im Gottesdienst möglich sind.

Haben Sie sich dann in Absprache mit dem Pfarramt für einen Termin entschieden folgt das Taufgespräch.

Einige Wochen vor der Taufe kommen meine Pfarrerkollegen oder ich zu Ihnen nach Hause, um die Anmeldung auszufüllen und den Verlauf des Taufgottesdienstes zu besprechen. Natürlich können wir auch alle weiteren Fragen zur Taufe besprechen.

Zur Vorbereitung auf dieses Gespräch können Sie schon einen Taufspruch aussuchen und sich überlegen, wer bei einer Kindertaufe Pate oder Patin werden soll.

Pate kann werden, wer Kirchenmitglied und über 14 Jahre alt ist. Es sollen mindestens zwei Paten bestellt werden und einer davon muss evangelisch sein. Das liegt daran, dass das Patenamt neben der Bedeutung in der Familie in der Kirche eine ganz wichtige Funktion besitzt. Denn die Paten sollen den Eltern bei der christlichen Erziehung der Kinder helfen und Wegbegleiter auf dem Weg des Glaubens sein.

Weitere Fragen können die Gestaltung der Taufkerze sein, die oft von Eltern oder Familienangehörigen zur Taufe erstellt werden oder auch die Kleidung des Täuflings. Hier gibt es keine Vorschriften, doch oft findet sich ja in der Familie ein Taufkleid, dessen weiße Farbe symbolisch für „Reinheit und Neu sein“ steht und damit die Bedeutung der Taufe noch unterstreicht.

Manchmal möchten Familienangehörige auch den Gottesdienst mit einem Gebet oder einer Lesung mit gestalten.

Haben wir dann alle Fragen zum Gottesdienst und zur Taufe besprochen, steht dem großen Ereignis nichts mehr im Weg.

Übrigens muss die Taufe nicht zwangsläufig mit einem großen Familienfest verbunden werden. Der Kämmerer, den der Philippus in der Apostelgeschichte getauft hat (Vgl. Apg 8,26-40), war im Wagen unterwegs, wurde an einem Bach getauft und fuhr danach weiter. Entscheidend ist also das Herz des Täuflings und seiner Familie, nicht der Geldbeutel.

Frauke Dietz

 

Taufgeleit

Damit die Taufe in Erinnerung bleibt

Schön war sie, die Taufe - brachte doch der neue Erdenbürger viele Familieangehörige und Freunde zu einem unvergesslichen Fest zusammen. Damit die Erinnerung an diesen ganz besonderen Tag lebendig bleibt, gibt es in unserer Mössinger Kirchengemeinde für unsere jüngsten Mitglieder vier Jahre lang das „Taufgeleit“.

Taufgeleit bedeutet, dass die drei Mössinger Pfarrämter jeweils vier Jahre lang die Familien an diese Feier erinnern. Pünktlich zum Jahrestag der Taufe erreicht sie ein persönlich formulierter Brief, dem kleine Geschenke beigefügt sind. Teilweise sorgen Konfirmanden für dessen Zustellung.

Doch damit das Taufgeleit noch ein bisschen persönlicher wird, übergeben im Bezirk der Peter-und-Paulskirche Margit Sawannia und Gabi Mang das „Wir-denken-an-dich“-Päckchen.

„Es geht jedes Mal ein Strahlen über das Gesicht der Eltern“, das ist die Erfahrung von Margit Sawannia. Denn mit dem Brief kommt die Erinnerung an einen Tag voller Freude, Glück und Staunen über das Wunder des neuen Lebens im Familienkreis zurück.       

Dieses Wunderbare wollen auch die Geschenke symbolisieren. Ein Jahr nach der Taufe gibt es beispielsweise Sterne, die bei Nacht das Licht abgeben, das sie am Tag gespeichert haben; im zweiten Jahr eine Kristallkugel fürs Fenster, die das Licht in den prächtigsten Farben bricht. Der Entwicklung des Kindes gemäß, überrascht die Kirchengemeinde im dritten Jahr nach der Tauffeier mit einem Mobile aus Hirten und Schafen, im vierten Jahr schließlich gibt es eine farbenprächtige Kinderbibel.

All dies sind Aufmerksamkeiten, welche die Eltern nach Beobachtung von Margit Sawannia sehr zu schätzen wissen. Und auch den Kindern wird damit auf eine altersgemäße Weise vermittelt, dass sie als Getaufte nie allein sind, sondern sich immer als Teil einer großen Gemeinschaft fühlen dürfen. 

Vera Hiller

 

Mai 2010: Mössinger Tafel

Mössinger Tafel auf gutem Weg

Die Mössinger Tafel ist im Steinlachtal zu einer festen Institution geworden. Der kleine Lieferwagen mit den Aufdrucken Mössinger Spenderfirmen, dazu seit kurzem ein größerer, gesponsert von der Firma Daimler-Benz, gehören zum vertrauten Bild im Straßenverkehr. Man sieht: Die ‚Tafel’ ist unterwegs, holt Lebensmittel ab. Zwei Jahre nach Gründung, 15 Monate nach Eröffnung ist Zeit für eine Anfrage bei einigen Aktiven der ersten Stunde, was ihnen in ihrer Tafel-Praxis besonders eindrücklich und wichtig geworden ist.

Peter Looser, der Vorsitzende, sieht in der Mössinger Tafel einen Mosaikstein im Gefüge von inzwischen bundesweit rund 800 Tafelläden, die etwa 700000 Menschen Woche für Woche mit Lebensmitteln versorgen. Damit soll aber nach Loosers Überzeugung ein offenkundiges gesellschaftspolitisches Manko nicht kaschiert und kann auch nicht behoben behoben. Der Mössinger Tafelladen will gleichwohl solidarisch handeln an Menschen in Armut, die nicht selten privat und öffentlich Diffamierungen ausgesetzt sind. Er ist ein bisschen stolz darauf, dass die Tafel im Steinlachtal  so viel positive, tatkräftige Resonanz erfährt, dass unbürokratisch geholfen wird. Dankbar ist er der katholischen Kirchengemeinde für die bisher gewährte Gastfreundschaft im Gemeindehaus Don Bosco, freut sich aber auch auf den Umzug in den Ratskeller – hoffentlich noch im Herbst dieses Jahres.

Auch Schriftführerin und Vorstandsmitglied Christa Birkenmaier ist vom vielfältigen Engagement Erwachsener und Jugendlicher für die gute Sache begeistert. So haben zum Beispiel Schülerinnen und Schüler der beiden Mössinger Gymnasien an einzelnen Verkaufstagen  im Laden mitgearbeitet. Vor Mössinger und Ofterdinger Märkten haben Realschüler und Konfirmandengruppen erfolgreich unter dem Motto „Kauf zwei, spende eins“ zusammen 36 Körbe mit verpackten und daher länger haltbaren Lebensmitteln – sonst eine Rarität im Angebot der Großmärkte – für die Tafel eingebracht. Kommt hier schon eine nachwachsende Generation von Tafel-Mitarbeitern und –Mitarbeiterinnen in den Blick?Im Rahmen einer Fastenaktion der katholischen Kirche sind die bei der Gabenprozession zum Altar gebrachten Lebensmittel dem Tafelladen ebenso zugute gekommen wie die Spenden der evangelischen Kirchengemeinden beim Erntedankfest.

Renate Steinhilber leitet das Vorbereitungsteam an einem der beiden Verkaufstage. Wöchentlich sichtet und sortiert sie die Vielfalt der Warenmengen, die aus Bäckereien und Großmärkten vom Fahrerteam angeliefert werden. Dabei hat sie den Blick nicht verloren für einzelne, meist ältere Frauen und Männer, die persönlich Waren abliefern: einen Laib Brot, eine Packung Nudeln, 10 Eier aus dem eigenen Hühnerstall, ein Päckchen Kaffee, also erkennbar nicht nur Spenden, sondern auch wirkliche Opfer, so, als wüssten diese Leute besonders gut, was es heißt, nicht aus dem Vollen schöpfen zu können.

Gabriele Müller, der stellvertretenden Vorsitzenden der Tafel, ist in der persönlichen Begegnung auf Augenhöhe mit den Menschen, die an den Öffnungstagen zu Symbolpreisen die angebotenen Lebensmittel auswählen, vor allem wichtig, dass bei ihren Kunden nicht das Gefühl des Almosenempfängers oder Bittstellers aufkommt, vielmehr deutlich zu machen, dass sie als Personen wertgeschätzt sind, dass ihnen ihre Würde erhalten bleibt. Einen spürbar erfolgreichen Beitrag dazu leistet auch der am Freitagnachmittag im Don Bosco etablierte gemeinsame Nachmittagskaffee. Fast alle Plätze sind besetzt. Gelegenheit zur Begegnung nicht nur der Mitarbeiter mit den Kunden, sondern auch der Kunden untereinander. Die Themen gehen weit über den aktuellen Anlass hinaus. Man bekommt Einblick in Einzelschicksale. Man kann Ratschläge geben. Soziale und nationale Unterschiede verlieren schnell an Bedeutung. Es kommt neue Solidarität auf.

Die Tafel lebt also, sie entwickelt sich weiter, sie wird geschätzt und gebraucht. Nicht selten ist der Bedarf an Lebensmitteln größer als das Angebot. Kann man helfen? Man kann: durch Geld- oder Sachspenden, durch Mitgliedschaft im Verein, durch Mitarbeit. Helfer sind    herzlich willkommen.

Otto Schmelzle

April 2010: Über die Jahreslosung

Verspätet?

Mein Sohn hatte vor ein paar Wochen Geburtstag. Nicht alle Geschenke kamen pünktlich an: eines kam eine Woche verspätet, ein anderes gar mit zwei Wochen Verzögerung. Und eine Geburtstagskarte aus Gran Canaria brauchte auch etwas länger. Es war für ihn das Jahr der verspäteten Geburtstagsgrüße. Vielleicht denken Sie beim Blick auf die nebenstehende Darstellung der Jahreslosung für 2010, wir hätten in diesem Jahr in der Kirchengemeinde das „Jahr der verspäteten Jahreslosung“. Sie haben schon Recht: normalerweise ziert ein Bild der Jahreslosung die erste Ausgabe im neuen Jahr.

Doch ich muss Ihnen gestehen: Wir haben diesmal ganz bewusst damit gewartet.

Denn das Bild von Stefanie Bahlinger passt wunderbar zum Wechsel von der Passions- zur Osterzeit, ja es ist geradezu ein in Form und Farbe gebrachter Ausdruck dieser entscheidenden Schnittstelle der Weltgeschichte.

Auf der linken Seite die Passion: dunkle Farben der Trauer, eingetrübte Farben der Hoffnungslosigkeit, ja der Verlust der Farbigkeit des Lebens. Ein erschrockenes Herz, das vor allem vor etwas erschickt: vor der Bedrohtheit des Lebens durch den Tod.

„Euer Herz erschrecke nicht!“ Kann man das so einfach befehlen? Als Vater musste ich lernen, dass es einem Kind wenig nutzt, wenn man sagt: „Du brauchst keine Angst zu haben.“ Die Angst weicht nicht durch Beschwichtigungen. Aber die Angst weicht, wenn ein Kind weiß, dass Mutter oder Vater da sind und das Kind durch seine Angst hindurch begleiten. Genauso macht es Gott, indem er sagt: Ich bin da in deiner Angst.

Es kommt mir so vor, als ob Stefanie Bahlinger das schwarze Herz mit einem roten Herz übermalt hat, mit dem Herz der Liebe Gottes, der unserem erschrockenen Herz ganz nahe kommt. Und dieses Herz Gottes wird im Kreuz ganz konkret. Zeichen seiner Liebe zu uns – das Kreuz. Dieses Kreuz ist die Schnittstelle im Bild, so wie Karfreitag zur Zeitenwende wurde.

Auf der rechten Seite des Bildes sehen wir österliche Farben, Farben des Lichts, Farben des Lebens, das Gold der Herrlichkeit Gottes, das vom Himmel herabkommt und sogar die linke Seite streift. Weil Jesus Christus den Tod besiegte und an Ostern auferstand, braucht unser Herz vor der Macht des Todes nicht mehr zu erschrecken.

Ich meine auf der rechten Seite sogar einen Engel zu erkennen. Vielleicht ist es der Engel von Ostern, der den Menschen am Grab die frohe Nachricht von der Auferstehung übermittelt. Damals wie heute besteht die Herausforderung darin, dieser Botschaft Glauben zu schenken: „Glaubt an Gott und glaubt an mich.“ Eine Botschaft, die erschrockene Passionsherzen in fröhliche Osterherzen verwandeln kann.

Übrigens: Mein Sohn hat sich auch noch über die verspäteten Geburtstagsgeschenke sehr gefreut, wahrscheinlich sogar mehr, als wenn er sie alle an einem Tag bekommen hätte. Ich hoffe, es geht Ihnen mit der „verspäteten“ Jahreslosungsdarstellung genauso.

Ihr  Pfarrer Joachim Rieger

Gerechtigkeit schafft Frieden

Gedanken zu Gewalt und ihrer Überwindung – angeregt durch die Jahreslosung

„Euer Herz erschrecke nicht“ heißt es in der Jahreslosung. Gibt es etwas, das mehr erschreckt als Gewalt? Es sind Ereignisse wie der Amoklauf von Winnenden, der auch Menschen, die nicht unmittelbar von der Tat betroffen sind, fassungslos zurücklässt.  

Doch hat Gewalt das letzte Wort? Nein, meint Prof. Annette Noller, die sich als Pfarrerin und Dekanin der Evangelischen Hochschule in Ludwigsburg intensiv mit dem Thema Gewalt beschäftigt hat. Gerade Winnenden zeige, dass aus der Trauer heraus Neues entstehen kann – beispielsweise fruchtbare Diskussionen allerorten, was geschehen muss, damit so etwas nie wieder passiert.

Es gebe eindeutige Zusammenhänge, erklärt sie: Gewaltpotenziale steigen, wenn etwa bedingt durch eine hohe Arbeitslosigkeit der soziale Frieden leidet. „Frieden entsteht nur in einer gerechten Gesellschaft“, mahnt die Dekanin. Und Gerechtigkeit bedeute wiederum Teilhabe aller Menschen an der Gesellschaft und keine Formen von Ausgrenzung, auch nicht mit Worten Schließlich habe ein jeder Mensch als Geschöpf Gottes den Anspruch auf einen respektvollen und wertschätzenden Umgang.

Wie das praktisch aussehen kann, dafür finden sich in der Bibel zahlreiche Beispiele: So mahnt etwa das alte Testament, dass niemand durch Wucher in den Ruin getrieben werden dürfe (Amos 8,4ff.) , und im Neuen Testament holte Jesus Menschen wie etwa Zöllner zurück in die Gemeinschaft (Lk 19,1ff.).

In einer Vision des Propheten Micha (Micha 4,1ff.) sieht Prof. Noller das Idealbild einer gerechten und friedlichen Welt gezeichnet: Dort werden die Schwerter zu Pflugscharen geschmiedet, ein jeder sitzt unter seinem eigenen Weinstock und Feigenbaum und hat genug zu einem guten Leben und die Völker tolerieren einander und ihre jeweiligen Religionen.             

Das Gespräch führte Vera Hiller

März 2010: Zum "Jahr der Stille"

Was ist Stille?

Verschiedene christliche Kirchen und Werke haben das Jahr 2010 als Jahr der Stille ausgerufen.

Die Sehnsucht nach Stille und nach neueren Formen von Spiritualität ist quer durch alle Konfessionen groß. Unsere Welt ist gefüllt mit akustischen und optischen Ruhestörern. Wir alle leiden unter der Reizüberflutung, die uns umgibt. Vielfältige Informationen dringen an unsere Ohren, gehen uns zu Herzen und belasten unsere Seele. Wenn uns alles zu viel wird, wünschen wir uns in der Abgeschiedenheit einer einsamen Insel oder Klosters zu leben.

Die Lösung liegt nicht in der Flucht aus unserer Umwelt, sondern darin, mitten in einem gefüllten Alltag kleine Fluchten, Raum für Ruhe zu schaffen. Das Jahr der Stille will auch helfen, Balance zu finden, ein gesundes Gleichgewicht zwischen Arbeit und Ruhe. Gottes faszinierenden Lebensrhythmus entdecken, den er in der Schöpfung uns geschenkt hat und auch selbst in uns angelegt hat.

Was aber ist „Stille“? Mit „Stille“ bezeichnet die deutsche Sprache die empfundene Lautlosigkeit, Abwesenheit von Geräuschen und Bewegungslosigkeit, stehend machen, unbeweglich machen. Wie ein Kind körperlich und mit seinem ganzen Wesen still wird, wenn es gestillt wird, so ist das gemeint. Im Alten Testament steht für „still“ das hebräische Wort „nuach“ bzw. „menuchah“. Das meint die Ruhe eines Kamels, wenn es sich niedergelassen hat. Oder wenn Gottes Geist oder Gottes Hand auf einem Menschen „ruht“. (4.Mose 11,25; Jes 11,2; 25,10)

In Markus 6,31 lädt Jesus seine Jünger ein „…ruht ein wenig.“ Sie waren mit ihm unterwegs, haben viel erlebt, ganz neue, ungewohnte Erfahrungen gemacht, ihr Kopf und ihre Seele waren ganz gefüllt. Er lädt sie ein mit ihm in ein Ruderboot zu steigen und auf die andere Seite des Sees zu fahren. Die Jünger mit Jesus allein. Um´s Ausruhen allein ging es sicher nicht, denn auf einer harten Holzbank ist dies nur beschränkt möglich. Ums Schlafen ging es nicht, ums Schweigen allein ging es auch nicht. Vielmehr ging es ums Alleinsein mit ihrem Herrn.

Wie können wir „stille Zeiten“ gestalten in der Begegnung mit dreieinigen Gott? Dazu wollen wir von der evangelischen Kirchengemeinde ihnen in diesem Jahr verschiedene Anregungen geben. Unter anderem durch eine bewusst gestaltete Passionszeit und Karwoche.

Andrea Baur

Wintererinnerungen

Still-Stand

Zwischen den Jahren. Die Straßen sind tief verschneit, der Schnee knirscht mit einem satten Ton unter den Schritten, der Wind pfeift empfindlich kalt um die Ohren. Selbst auf Mössingens Durchgangsstraßen ist kaum ein Auto zu sehen. Der Frost hat eine surreale Winterlandschaft herbeigezaubert, und frei nach Rainer Maria Rilke ließe sich sagen: „Wer jetzt nicht zuhause bleibt, hat keines mehr“. Überall herrscht überall Still-Stand und Stille.

Im Supermarkt nebenan machen sich Lücken in den Regalen breit, weil es den Lebensmittel-Lastern nicht gelungen ist, den Schneemassen zu trotzen. Da Gewohntes ausverkauft ist, geht der Griff zu den Sachen, die noch nie probiert wurden und die völlig neue Geschmackserlebnisse bescheren. Vage Überlegungen, wie es wohl wäre, wenn der Zustand mehrere Tage anhielte. Sollte besser ein Vorrat angelegt werden? Ein gutes Gefühl ist, dass die Bäckereien vor Ort auch dann das tägliche Brot sicherstellen könnten. Das Schlagwort von den Vorteilen regionaler Erzeuger bekommt für einen Gedankengang lang eine ungeheure Intensität.

Beim Spaziergang durch die Stadt können sich die Gedanken frei entfalten. Es gibt weder Hektik noch Lärm. Keine sich abhetzenden Menschen, kein Autohupen, kein schnell-schnell. Nur Still-Stand und Stille.

Der russische Dichter Leo Tolstoi sagt: „In der Stadt kann der Mensch hundert Jahre leben und bemerkt es gar nicht, dass er längst tot und verfault ist. Man hat gar kein Zeit, sich mit seinem Ich auseinander zu setzen – immer ist man beschäftigt.“ Doch heute ist das anders. Ganz anders. Und sehr schön.

Vera Hiller

 

Beredtes Schweigen

Formen der Stille gibt es viele: Wir kennen „erwartungsvolle Stille“, es gibt die „Ruhe nach dem Sturm“, wenn nach wilden Zeiten sich Wogen wieder glätten und die Luft klar wird.

Und es gibt auch die andere Seite: Die „Ruhe vor dem Sturm“ – das atemlos-angespannte Verharren und Luft holen vor dem, was gleich hereinbrechen wird. Diese Form der Stille fordert Kraft, Konzentration. In ihr liegt oft auch Angst. Angst vor Prüfungen, vor Versagen, vor der Zukunft selbst.

Manch einer kennt auch eisiges Schweigen oder Funkstille, wenn Menschen in Gesprächsrunden plötzlich nichts mehr sagen oder auch wenn zwei sich nichts mehr zu sagen haben.

Stille kann den Charakter von „Totenstille“ haben, wenn man das Gefühl hat, vom Leben abgeschnitten zu sein, isoliert, einsam und verlassen. „Schwermut“ oder „Depression“ nennen wir das.

Viele Menschen fliehen vor der Stille. Stürzen sich ständig in Aktivitäten ob beruflich oder privat. Was hindert sie daran, die Stille auszuhalten? Die Angst davor, in ihr sich selbst zu begegnen, Wünschen, Sehnsüchten oder auch der eigenen Leere?

Wie finde ich Wege zur Stille? Wie finde ich Wege durch die Stille? Wie gewinnt die Stille Tiefe und Weite? Es gibt eine Geschichte in der Bibel, die für mich einen Weg zeigt. Eine, in der Einer alle Arten von Stille durchlebt. Es ist die Geschichte von Elia, dem Propheten Gottes aus 1. Könige.

Was hat dieser Elia nicht alles getan um Gottes Willen. Er hat eine Hungersnot angekündigt, um den König Ahab zur Abkehr vom Götzendienst zu bewegen. Er hat ein totes Kind wieder zurück ins Leben gebracht. Er hat die Propheten des Baal herausgefordert zu einem Gottesurteil am Berg Karmel. Die Menschen konnten die Ruhe vor dem Sturm spüren, als Elia zu Gott betete. Und als sich Elias Holzstapel entzündet hatte, da wütete der Prophet Gottes erbarmungslos, ließ 850 feindliche Propheten des Baal und der Aschera hinrichten – ein grausamer Sturm der Rache und Vergeltung.

Ständige Aktivität - doch dann ist plötzlich alles anders, Kraft und Wille erloschen, klebt das Blut an seinen Händen und drückt sein Herz zu Boden. Alles ist leer, aus, vorbei. „Burn-out“ nennen wir diesen Zustand heutzutage, wenn einem die Kräfte ausgehen oder eine Schuld sein Herz wie mit einem Kurzschluss lähmt.

Wenn nach allem Aktivismus, allem Verdrängen und Fliehen uns plötzlich unsere eigene, ganz persönliche Wirklichkeit einholt und wir uns selbst begegnen mit all unseren Dunkelheiten; wenn ein Unheil oder Unglück uns herausreißt aus allem Gewohnten und alles plötzlich fremd scheint; wenn es keine Worte mehr gibt, die nach Außen könnten, weil alles Reden sinnlos scheint, weil das Leben selbst sinnlos scheint.

Elia hat diese Totenstille erlebt, die Schwermut im Herzen gespürt – und es gab kein schnelles Entkommen.

Die Stille nimmt sich ihren Raum. Sie, die der Prophet so lange ignoriert hat, holt ihn ein und führt ihn in die Wüste. Dort, so heißt es, „setzte er sich unter einen Wachholder und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug. So nimm nun, HERR, meine Seele. Ich bin nicht besser als meine Väter.“  (1. Kön 19,4). Elia begegnet sich selbst, seiner „Wurzelsünde“, seinem „Schatten“ – und der heißt bei ihm „Hochmut“.

„Hochmut kommt vor dem Fall“, heißt es. Elia ist gefallen und wünscht sich den Tod. Doch nun beginnt inmitten dieser Todesstille ein Weg durch die Stille hindurch zum Leben, ein Weg, zu dem Elia nichts beisteuern muss, als nur diese Stille auszuhalten, geduldig zu sein, Zeit und Gott Raum zu geben.

Denn in diese Stille hinein bringt ein Engel dem Todbetrübten ein Brot und einen Krug mit Wasser. Mehr nicht. Doch dieses Wenige reicht, um am Leben zu bleiben, das Leben wieder in Gang zu bringen.

Es braucht oft nicht viel, einem Todbetrübten zu helfen. Und niemand braucht sich dabei überfordern. Keine Erklärungen oder Appelle, kein Aktionismus - nur etwas Wasser und Brot. Da sein. „Steh auf und iss!“

Dadurch kann Einer womöglich 40 Tage und Nächte lang durch die Wüste gehen und in der Wüste Gott neu entdecken. Denn so lange, sagt uns die Geschichte Elias, kann die Stille in uns Zeit brauchen. 40 Tage und Nächte ging er durch Anfechtung, Zweifel, Versuchung und Leere, bis er Gott wieder fand, bis er ihn neu fand.

Und er ging bis zum Berg Gottes, dem Horeb“, heißt es dann, „Und er kam dort in eine Höhle und blieb dort über Nacht. Und siehe, das Wort des HERRN kam zu ihm: Was machst du hier, Elia?

 Er sprach: Ich habe geeifert für den HERRN, den Gott Zebaoth; denn Israel hat deinen Bund verlassen und deine Altäre zerbrochen und deine Propheten mit dem Schwert getötet und ich bin allein übrig geblieben, und sie trachten danach, dass sie mir mein Leben nehmen.

Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR wird vorübergehen.

Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben.  Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen.

Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle. (1.Kön 19,9-13).

Wie begegnet uns Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde? Elia hat ihn neu gefunden, damals, auf seinem Weg durch Tod, Wüste und Stille hindurch. Und am Ende dieses Weges sehen wir, dass dieser Weg ihn weise gemacht hat.

Die Schnellen und Starken suchen Gott im Sturm. Die Hochmütigen und Großartigen suchen ihn im Erdbeben. Die Eifernden und Zornigen suchen ihn im Feuer. Elia aber findet ihn – in der Stille. Im stillen, sanften Sausen, sagt die Lutherbibel. Wir könnten auch sagen: Im beredten, gefüllten Schweigen.

Wer durch Gottes Gnade vom Tod neu zum Leben gelangt, wie Elia, wer die Stille aushält, die Wüsten durchquert mit Wasser und Brot, der wird am Ende die Welt und Gott neu sehen. Der wird in allem, was lebt, in allem, was ist, Gottes Werk entdecken. Der wird jeden Atemzug als Gnade empfinden, das Zwitschern der Vögel, das Wogen des Korns, den Schein der Sonne.

In unserer rastlosen Zeit sollten wir deshalb auf die Stille achten, die Stille suchen, am siebten Tag, im Gottesdienst, in Gottes Wort, in seiner Schöpfung, in uns. Denn in der Stille lässt sich Gott finden und am Ende der Stille wird sich alles füllen und weiten zu einem beredten Schweigen, das keine Worte mehr braucht.         Frauke Dietz

Alkoholismus

Vom Umgang mit der Sucht

Alkohol gehört zu den Kulturdrogen unserer Gesellschaft. Man trinkt gern ein Bier oder ein Glas Wein mit Freunden und manch einer trinkt auch mal einen „über den Durst“.

In einem gewissen Rahmen ist der Genuss von Alkohol durchaus akzeptiert. Doch wo liegt die Grenze? Denn der Umgang mit Drogen ist und bleibt ein Spiel mit dem Feuer, bei dem ich leicht die Kontrolle verlieren kann. Ab wann wird Genuss zur Sucht? Und warum? Was „sucht“ jemand beim „Komasaufen“? Warum nutzen manche Menschen die Faschingszeit zu Alkoholexzessen, ziehen – wie dieser Tage auch in Mössingen – umher und singen: „Schenket ein, wir wollen alle besoffen sein!“?

Sicher: Man ist nicht gleich Alkoholiker, wenn man einmal betrunken war. Und die Ursachen und Gründe für Süchte sind vielschichtig und ganz verschieden. Die Folgen aber sind meist ganz ähnlich. Suchtkranke bewegen sich oft in zwei Welten, wollen ihre Sucht nicht wahr haben und bauen Fassaden auf, um den Schein nach außen zu wahren. Dabei verlieren sie aber ihre Identität und Beziehungen gehen oft kaputt.

Für Menschen, die diesen Teufelskreis durchbrechen wollen, gibt es Anlaufstellen. So hilft die Suchtberatung des Diakonischen Werkes in Tübingen bei der Suche nach Wegen aus der Abhängigkeit. Darüber hinaus gibt es auch in Mössingen Selbsthilfegruppen für Suchtkranke.

Zwei davon, die „AA-Gruppe“ anonymer Alkoholiker und die „Al-Anon“-Gruppe von Angehörigen Alkoholkranker, möchten wir Ihnen vorstellen – und gleichzeitig allen Betroffenen Mut machen, einen Weg aus der Abhängigkeit und zurück ins Leben zu suchen – zum Beispiel durch einen Anruf bei der Suchtberatungsstelle. Adresse: Beim Kupferhammer 5, 72070 Tübingen, Tel. 0 70 71 - 75 0160 Mail:psb@diakonie-rt-tue.de.

Anonyme Alkoholiker-Gruppe in der Martin-Luther-Kirche

Mit bewundernswerter Offenheit

Ihre Offenheit verblüfft immer wieder. Bei der Recherche über die Anonymen Alkoholiker (AA), von denen sich die Mössinger Gruppe jeden Freitag ab 19.30 Uhr in der Martin-Luther-Kirche trifft, begegnen mir Menschen, die mit bewundernswerter Klarheit sagen: „Ich bin trockener Alkoholiker“ – obwohl ihre letzten Abstürze 20 oder gar 30 Jahre zurückliegen. Mit großem Ernst reden sie über ihre „nassen“ Phasen und mit schonungslosem Freimut von Ereignissen, die ihres Peinlichkeitsfaktors wegen viele andere Menschen mit dem Mantel des Vergessens zudecken würden.

Von der Pressesprecherin der Anonymen Alkoholiker erfahre ich ohne Umstände sowohl den Vor- als auch Zunamen: „Von einigen unserer Mitglieder verlangen wir, dass sie sich zu erkennen geben“, heißt es dazu im Dienstbüro in Gottfrieding-Unterweilnbach, wo bundesweit die AA-Kontaktadressen erfragt werden können.

Und mit einer Radikalität, die Nichtbetroffene angesichts von Sucht und Krankheit wohl kaum aufbringen würden, wird die Notwendigkeit einer kostenlosen 24-Stunden-Hotline, wie sie die Schweizer AA-Gruppen organisieren, verneint: „Wer morgens stundenlang warten kann, bis der erste Kiosk aufmacht, der kann auch bis zu nächsten Treffen seiner örtlichen AA-Gruppe warten!“

Wer jedoch mit derselben Offenheit um Hilfe nachsucht, weil er sein Trinkverhalten  subjektiv für problematisch hält, findet stets sehr verständnisvolle Zuhörer. Hadert jemand mit sich, weil er seine täglichen zwei oder drei Glas Bier nicht verzichten kann, kann sich jederzeit gerne melden: „Sollen wir dem sagen, du trinkst zu wenig, du darfst nicht zu uns kommen?“ Wohl wahr. Denn weitaus gefährlicher für eine Säufer-Karriere ist das Vertuschen, das Sich-nicht-eingestehen-wollen, das Runterschlucken von Problemen, die eigentlich gelöst werden müssten.

Genau diesen Weg ging Pressesprecherin Hannelore, nachdem sie sich die Unterstützung der AA versichert hatte. Schritt für Schritt arbeitete sie therapeutisch ihre Probleme auf, die teilweise schon ihre Kindheit überschattet hatten. „Frauen trinken heimlich“, verrät sie und schildert, wie nervenaufreibend es war, mit Hilfe von Make-up und anderen Tricks, nach außen hin stets den Schein zu wahren. Rückblickend sagt sie: „Ich weiß, dass ich durch die Hölle gegangen bin – allein durchs Verschweigen“. Umso offener thematisiert sie heute ihren Alkoholismus („wäre ich keine Alkoholikerin, wäre ich eine Säuferin“, definiert sie den Unterschied), und gerade deshalb suchen immer wieder Menschen, die beispielsweise als Angehörige von der Sucht mit betroffen sind, bei ihr um Rat nach.

Dass sie keine Experten, aber dafür Menschen mit vielfältigen und langjährigen Trinkerfahrungen seien, betont Siegfried, Mitglied der Mössinger AA-Gruppe. Er ist zwar seit 1980 trocken, weiß aber, dass selbst nach jahrzehntelanger Abstinenz ein Tropfen Alkohol reichen kann, um wieder rückfällig zu werden. Die Gruppe stützt und unterstützt sich gegenseitig; die Treffen hätten eine nahezu familiäre Atmosphäre, berichtet er. Selbst betrunken zu kommen, sei erlaubt, und er persönlich hält das für die bessere Lösung als der Gruppe aus Scham fernzubleiben, weil ein Rückfall zu beichten wäre. 

Er nennt als Ziel „eine zufriedene Trockenheit zu erreichen“. Die äußere sich in dem Satz: „Ich will nicht trinken“. Wer dagegen sage: „Ich darf nicht trinken“ gibt zu, sich an ein Verbot zu halten, und wie bei allen Verboten bestehe dann immer die Gefahr, sie eines Tages übertreten zu wollen.

Die AA haben ein 12-Punkte-Programm entwickelt, das inzwischen von vielen anderen Selbsthilfegruppen übernommen wurde. Darin ist auch die Rede von einer „höheren Macht“ – wie ist das zu verstehen?

„Es hat den Touch des Glaubens“, gibt Hannelore zu. Doch wie der Begriff zu interpretieren sei – religiös oder ganz profan - das bleibe einem jedem selbst überlassen: „Meine höhere Macht ist der AA-Tisch“.

Wer sich interessiert, kann sich entweder im Internet informieren (www.anonyme-alkoholiker.de) oder direkt an Siegfried (Telefon 07071/64936) wenden, der auch gerne bereit ist, beispielsweise in Schulklassen oder Jugendgruppen über das Thema Alkoholismus zu sprechen. Insbesondere für jüngere Menschen gibt es im Internet überdies AA-Online-Meetings.

Vera Hiller

Al-Anon-Familiengruppen

Offen über das reden, was die Familie bedrückt

Wenn jemand alkoholkrank ist, dann leiden auch alle anderen Familienmitglieder. Ihnen Unterstützung zu geben, hat sich die Selbsthilfegruppe Al-Anon zum Ziel gesetzt, die sozusagen als Schwesterorganisation der Anonymen Alkoholiker vor 50 Jahren gegründet wurde. Seit 2007 gibt es auch in Mössingen eine Al-Anon-Gruppe, die sich jeweils donnerstags von 18.30 bis 20 Uhr im Untergeschoss der Martin-Luther-Kirche trifft.

„Wir geben keine Ratschläge“, sagt ein Gründungsmitglied der Mössinger Gruppe,  „aber jeder kann sich aussprechen und beim Zuhören viel von anderen lernen“. Mit vier Stamm-Mitgliedern ist die Mössinger Gruppe zwar klein, kann sich aber umso intensiver den individuellen Problemen annehmen.

Die absolute Anonymität und die Gewissheit, dass alles Gesagte von allen Gruppenmitgliedern vertraulich behandelt wird, fördert den offenen Umgang und stärkt das Gemeinschaftsgefühl: „Man geht nirgendwo so ehrlich um wie in den Gruppen“, gehört daher zu den Grunderfahrungen. Getragen von dieser Basis wird es leichter, mit der Alkoholerkrankung innerhalb der Familie zu leben. „Wir glauben, dass Alkoholismus eine Familienkrankheit ist, und dass eine veränderte Einstellung die Genesung fördern kann“, heißt es in den Grundsätzen der Organisation, die weder an eine Konfession noch an eine politische Gruppe gebunden ist, sondern sich ausschließlich über Spenden finanziert.

Unabhängig davon, ob nun der (Ehe-)Partner, ein Kind, ein Elternteil, Geschwister, Freunde oder Arbeitskollegen suchtkrank sind: Die Mössinger Gruppe steht ohne Anmeldung allen offen. Empfohlen wird jedoch allen Neulingen, die Treffen mehrmals wahrzunehmen, weil dann eine bessere Einschätzung dessen, was die Gruppe zu leisten vermag, möglich sei.      

Ähnlich wie bei den Anonymen Alkoholiker gibt es auch bei Al-Anon ein Zwölf-Schritte-Programm. Dazu gehören beispielsweise Slogans wie „Nur für heute!“, die Kraft zum Durchhalten geben und sich gut in den Alltag integrieren lassen. Das Al-Anon-Programm will Angehörige und Freunde suchtkranker Menschen ermutigen, sich wieder auf sich selbst zu konzentrieren und eigenen Interessen nachzugehen – dies sei ein schwieriger und langwieriger Lernprozess, wiegelt das Al-Anon-Gründungsmitglied die Hoffnung auf schnelle Erfolge ab.

Dafür sei aber das Ergebnis umso nachhaltiger. Denn obwohl in seinem Fall die Partnerschaft zerbrach und kein akutes Problem mehr bestand, habe ihm das Programm über seine eigentliche Funktion auch Halt gegeben in diversen anderen Lebenssituationen, weshalb es der Al-Anon-Gruppe bis heute die Treue halte.

Info zu Al-Anon: www.al-anon.de

Kontakt zur Mössinger Al-Anon-Gruppe: 0163-1525143

Vera Hiller

Für Suchtkranke

Selbsthilfegruppe in Bästenhardt

Im Gemeindezentrum der Johanneskirche, Birkenstr. 45,  gibt es eine kleine feine Gruppe, eine "Freie Selbsthilfegruppe für Suchtkranke", die die Suchtberatungsstelle in Tübingen betreut. Die Gruppe besteht seit 2004. Sechs Männer und Frauen treffen sich im 14-tägigen Abstand mit dem gemeinsamen Wunsch sich eine zufriedene Abstinenz  zu erhalten. Eine zuvor abgeschlossene Therapie ist keine Voraussetzung und man freut sich über Zuwachs. Die Gruppe unternimmt manchmal auch gemeinsam etwas wie z.B. einen Grillabend im Garten eines Teilnehmers oder einen Theaterbesuch in Melchingen. Hier ist man für vieles offen, aber es besteht kein Gruppenzwang.

Kontakt über die Suchtberatung Tübingen: Tel. 0 70 71 - 75 0160