Angedacht

Mitten im Leben…

Manche Geschichte beschäftigt einen oft lange. Lesen Sie selbst:

„Mein Bruder öffnete die Kommodenschublade seiner Ehefrau und holte ein in Seidenpapier verpacktes Päckchen heraus. Es war nicht irgendein Päckchen, sondern ein Päckchen mit Unterwäsche drin. Er warf das Papier weg und betrachtete die Seide und Spitze: „Dies kaufte ich, als wir zum ersten Mal in New York waren. Das ist jetzt acht oder neun Jahre her. Sie trug es nie. Sie wollte es für eine besondere Gelegenheit aufbewahren. Und jetzt, glaube ich, ist der richtige Moment gekommen!“

Er näherte sich dem Bett und legte die Unterwäsche zu den anderen Sachen, die von dem Bestattungsinstitut mitgenommen wurden. Seine Frau war gestorben. Als er sich zu mir umdrehte, sagt er: „Bewahre nichts für einen besonderen Anlass auf. Jeder Tag, den du lebst, ist ein besonderer Anlass…“

Eine Geschichte ist das, bei der man erst mal Luft holen muss. Zu abrupt, zu krass prallen hier die Gegensätze von Leben und Tod

aufeinander. Doch es stimmt ja und wir spüren immer wieder, wie schnell die Zeit zu Ende sein kann.

„Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben“, sagt eine altkirchliche Weisheit zu Recht. Schnell können Sätze wie „Wenn ich erst mal… dann“ hinfällig werden. Auch wenn unsere Gesellschaft krampfhaft versucht, unsere Sterblichkeit auszublenden, ahnt doch jeder, wie vergänglich und welch ein kostbares Gut Zeit ist.

Wie aber richtig mit diesem Gut umgehen? So wenig wir unser Leben auf eine scheinschöne Zukunft verschieben können, so wenig dürfen wir uns auch von der Gegenwart unter Druck setzen lassen. Sätze wie „Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter“ lösen bei mir ebenfalls Beklemmung aus, denn ich kann ja nicht jeden Moment meines Lebens gleichbedeutsam wahrnehmen.

Der Schlüssel zum gelassenen Umgang mit unserer Zeit liegt für mich darin, sie als von Gott anvertrautes Gut zu sehen, mit dem ich verantwortungsvoll, aber auch zwangfrei umgehen darf.

Dazu befreit uns Gott durch das Evangelium. Wenn Jesus sagt „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Mt 28,20), erhält die Zeit eine andere Qualität. Dann steht alle Zeit in Verbindung mit Gott. Wir dürfen jeden Tag dankbar aus seiner Hand nehmen und ihn abends, egal wie gut oder schlecht er war, wieder in seine Hand zurücklegen, im Wissen: Meine Zeit steht in den Händen des lebendigen Gottes.

Aus dieser Erkenntnis heraus lebt es sich gelassener und getroster. Martin Luther hat deshalb auch die altkirchliche Weisheit umgedreht: „Sag es umgekehrt:  Mitten im Tode sind wir vom Leben umgeben.“

Die Erzählerin der Geschichte hat dies erkannt, wenn sie fortfährt: „…Heute lese ich viel mehr als früher und putze weniger. Ich setze mich auf meine Terrasse und genieße die Landschaft, ohne auf das Unkraut im Garten zu achten. Ich verbringe mehr Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden und weniger Zeit bei der Arbeit. Ich habe begriffen, dass das Leben eine Sammlung von Erfahrungen ist, die es zu schätzen gilt. Von jetzt an bewahre ich nichts mehr auf. Ich benutze täglich meine Kristallgläser. Wenn mir danach ist, trage ich meine neue Jacke, um in den Supermarkt zu gehen. Auch meine Lieblingsdüfte trage ich dann auf, wenn ich Lust dazu habe.“*

Ich wünsche Ihnen, gerade auch in diesen Novembertagen gegenwärtig leben zu können, aus der Gegenwart Gottes heraus.

Bis denne - Ihre und eure Pfarrerin

 

 

Frauke Dietz